Amen in Davos: Wie BigTech & Co. die Diplomatie outsourcen

In Davos finanzieren Microsoft und McKinsey Trumps „USA House“. Sponsoring, Souveränität, höfliche Kniefälle – und warum das alles leider keine Weltverschwörung ist. Über das System hinter Partner-Gebühren, Machtästhetik und die bittere Ironie europäischer Souveränität.

Die Bittsteller reihen sich beim Paten ein und bringen Geschenke - nach Der Pate Teil 1.

Es hat eine fast biblische Komik: Während die Welt am World Economic Forum 2026 über den „Geist des Dialogs“ schwadroniert, findet der wahre Gottesdienst in einer kleinen englischen Kirche am Rand der verschneiten Davoser Promenade statt.
Nur liegt hier kein Weihrauch in der Luft, sondern der feine Geruch frisch unterschriebener Millionenschecks.

Microsoft und McKinsey haben das Gebäude jeweils mit bis zu einer Million Dollar „gesponsert“ – ein Obolus, der sicherstellt, dass man im sogenannten USA House nicht nur einen warmen Platz am Kamin hat, sondern auch ein Ohr beim Paten persönlich.

Financial Times: Microsoft and McKinsey pay up to $1mn each to back Donald Trump's Davos Hub

05.01.2026 - Microsoft und McKinsey zählen zu mehreren US-Unternehmen, die jeweils bis zu 1 Mio. US-Dollar in das „USA House“ in Davos investieren – eine kleine Kirche außerhalb der offiziellen WEF-Sicherheitszone, die während Trumps erster persönlicher Forumsteilnahme seit sechs Jahren als Hub der US-Delegation dient. Das Haus wird von einem privaten Netzwerk um Investor Richard Stromback organisiert, soll Veranstaltungen zu Themen wie „peace through strength“, „digital assets & economic resilience“ und „faith-based initiatives“ bieten und wird offiziell nicht als Einrichtung der US-Regierung geführt. Neben Microsoft und McKinsey wurden weitere große US-Konzerne wie Ripple und JPMorgan als Sponsoren angefragt, um dort in unmittelbarer Nähe zu globalen Entscheidungsträgern eigene Formate ausrichten zu können. Quelle FT Online

Der Kuss auf den Ring (Digital Edition)

Man muss sich die Szene nicht einmal groß ausdenken, Mario Puzo hat sie im Paten schon geschrieben. Die Big-Tech-Bosse treten nacheinander aus der Kälte in das schummrige Licht der Kirche. Kein Weihrauch, dafür Fingerfood. Kein Beichtstuhl, dafür Lounge-Sessel. Und irgendwo im Raum sitzt die fleischgewordene „America First“-Doktrin, freundlich lächelnd, Karottenhaare, aber mit sehr gutem Gedächtnis.

04.09.2025 - BigTech versichert dem Don im White House Dining Room seine Ergebenheit

Es ist die logische Fortsetzung des „Letzten Abendmahls“ vom September 2025 im Weißen Haus: jene Tafelrunde, bei der die Giganten des Silicon Valley bereits den Kniefall probten. Damals wie heute geht es nicht um Philanthropie, sondern um eine so simple wie brutale Botschaft: Wir investieren Milliarden in US-Infrastruktur und im Gegenzug möchten wir nicht in der Besenkammer des „America First“-Haushalts enden.

Parallel dazu verkündet derselbe Präsident, man werde Venezuela „befreien“ und die dortige Ölindustrie von US-Firmen wiederaufbauen lassen. Rechnungsstellung folgt.

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Heute (07.01.2026) berichtet ebenfalls die Financial Times "- US says using military is among ‘options’ to acquire Greenland", ein Bündnispartner in der NATO???

Außenpolitik ohne jegliche Regeln als verlängerter Arm von Geschäftsinteressen und ohne jegliche Subtilität. In diesem Kontext ist das USA House eben kein „neutraler Begegnungsraum“. Es ist eine privatisierte Präsenzbühne. Kein Sponsoring sondern eine Privatisierung der Diplomatie.

Davos ist keine Messe, genau deshalb wird es schmutzig

Normalerweise gelten für Sponsoring klare Spielregeln: Auf der Hannover Messe, der Ignite oder dem Mobile World Congress gibt es Gold-, Platin- und „Diamond Visionary“-Pakete. Firmen zahlen für Logos, Standgrößen und Podiumssichtbarkeit. Das ist Marketing. Unsympathisch vielleicht, aber transparent.

Davos war offiziell immer etwas anderes. Staaten zahlen die Präsenz ihrer Delegationen selbst. Aus öffentlichen Mitteln, zumindest theoretisch kontrolliert. Wenn jetzt Konzerne beginnen, die staatliche Präsenz eines konkreten Präsidenten zu finanzieren, kippt diese Logik. Das USA House ist kein Messestand. Es ist ein politischer Raum, kuratiert und bezahlt von privaten Interessen. Die unausgesprochene Botschaft lautet: Wir kümmern uns um deine Bühne, du kümmerst dich später darum, dass unsere Geschäftsmodelle nicht zerschossen werden.

Kein Koffer mit Bargeld, keine Restaurantquittung mit handschriftlicher Notiz. Stattdessen: Sponsoring-Verträge, siebenstellige Beträge, PR-Texte über „Dialog“ und „Friedensinitiativen“ – und das stille Einverständnis, dass Nähe sich langfristig auszahlt. Das ist nicht Korruption. Das ist Tradition. Mit exklusivem Catering.

Das „Microsoft Action Pack“ für den Weltfrieden

Besonders rührend wird es, wenn man an die Basis denkt. Während in Davos Hände geschüttelt werden und das Kaminfeuer romantisch knistert, finanzieren unsichtbar tausende IT-Dienstleister genau diesen „Spirit of Dialogue“. Durch ihren Eifer beim Verkauf der neusten AI-Services und E5-Packages, aber auch über ihre jährlichen Partnergebühren.

Früher hieß das „Action Pack“: ein paar hundert Euro im Jahr für Lizenzen und Support. Heute reden wir über Solution-Partner-Designations, Program-Level und Specializations, für die locker vier- bis fünfstellige Beträge pro Jahr fällig sind, zusätzlich zu Umsatz- und Zertifizierungspflichten. Offiziell ist das „Enablement“, „Co-Selling“ oder „Joint Success“. In der Realität ist es genau das, was ich in „Am Tropf des Herstellers – was neue Incentive-Modelle wirklich bedeuten“ beschrieben habe: ein hocheffizientes Umlage- und Steuerungssystem, das Partner in eine Mischung aus Abhängigkeit, Loyalität und Dauerbeschäftigung bringt. Viele Kleine zahlen kleine Beiträge. Einige Große zahlen große Beiträge. Ganz oben begleicht man damit dann eben eine siebenstellige Rechnung für ein USA House in den Alpen, wenn es politisch opportun ist.

Kein Partner bekommt eine Jahresabrechnung mit der Position: „Anteilige Kaminfinanzierung, USA House Davos“. Aber genau diese Ströme machen es erst möglich, dass Konzerne sich politisch so beweglich zeigen können. Die Wahrheit ist unangenehm simpel: Man hat nicht nur für Software bezahlt. Man hat für Zugehörigkeit bezahlt. Und manchmal steht diese Zugehörigkeit dann als frisch hergerichtete Kapelle in Davos. Mit Kaminfeuer, Security-Schleuse und sehr selektiver exklusiver Gästeliste.

America First: Wenn Konzerne zu „nationalen Assets“ werden

Trump war nie subtil, aber erschreckend konsistent: „America First“ heißt nicht fairer Markt, sondern Belohnung von Loyalität. US-Tech-Konzerne gelten nicht als neutrale Marktteilnehmer, sondern als strategische Assets der Nation. Wer sie reguliert, „greift Amerika an“.

Venezuela ist da nur das grobschlächtige Beispiel mit Öl und Militär. Grönland hängt heute wie ein Damoklesschwert über uns. Im Digitalen läuft dieselbe Logik, nur leiser: Europa spricht über Datenschutz, Grundrechte und digitale Souveränität. Washington hört: „Ihr behindert unsere Unternehmen.“ Wenn dann US-Konzerne Trump in Davos buchstäblich die Bühne finanzieren, ist das kein PR-Gag. Das ist Positionsbildung: Wir gehören zu deinem Team. Wir verstehen das Spiel. Wir investieren, du verteidigst, du eroberst.

So funktioniert Machtpolitik im Maßanzug: Kein Geheimzirkel, kein Rauchzimmer. Nur 2 Millionen. Peanuts. Dazu saubere Buchungen, Lobbyarbeit und eine sehr klare Interessenausrichtung.

Keine Weltverschwörung – leider

An dieser Stelle ein wichtiger Einschub, bevor die üblichen Reflexe kommen: Das hier ist keine Erzählung über eine globale Verschwörung, Illuminaten oder eine geheime Weltregierung. Von diesem ganzen Esoterik-Zoo halte ich ungefähr so viel wie von Windows auf dem Desktop im Jahr 2026.

Ich glaube nicht an eine allmächtige Weltverschwörung aus einem einfachen Grund: Menschen reden. Spätestens wenn mehr als drei Leute an einer „geheimen Strategie“ beteiligt sind, will und wird irgendeiner darüber reden. Aus Eitelkeit, Geltungsbedürfnis oder schlichter Dummheit, lauter ganz normale Eigenschaften die jeder in der einen oder anderen Ausprägung in sich hat. Es gibt Leaks, Indiskretionen, SMS, die plötzlich wieder auftauchen, SharePoint-Seiten mit falschen Berechtigungen etc. Eine stabile, globale Verschwörung über Jahrzehnte hinweg ist logistisch vollkommen unrealistisch.

Was es aber sehr wohl gibt, sind: Konzentrierte Macht, überlappende Interessen, finanzielle Abhängigkeiten, sowie strukturelle Versuchungen, moralische Standards zugunsten von Einfluss zu verbiegen.

Dafür braucht es keine Aliens oder Illuminaten. Es reicht völlig, wenn sich sehr viele sehr mächtige Menschen regelmäßig treffen, im selben Raum sitzen und dieselben Narrative hören. Und auch das ist normal. Diese Menschenmeinen es meist innerhalb ihres eigenen Wertkanons gut und denken logisch. Wohlgemerkt,, innerhalb ihres eigenen Wertekanons. Der hat aber schon lange mangels verlorener Bodenhaftung, Messias-Komplex und Sendungsbewusstsein nichts mehr mit den anderen Menschen auf diesem Planeten zu tun. Genau deshalb muss man bei Orten wie Davos und Bilderberg extrem vorsichtig sein: Nicht, weil dort die Weltverschwörung tagt, sondern weil dort die Machtästhetik so eng zusammenrückt, dass moralische Leitplanken sehr schnell zur Kulisse verkommen.

Europas digitale Souveränität: Hochglanzrhetorik mit Dauerlastschrift

Während man in Davos Häppchen reicht, ringt Europa derweil mit großen Worten wie „strategischer Autonomie“. Das klingt wichtig, ist aber leider oft nur Folklore und Mundpropagada.

Man schreibt Strategiepapiere zu digitalen Souveränität mit Google Gemini, leitet sie dann auf seinem iPhone über Microsoft Temas schnell weiter an den parlamentarischen Staatsekretär für die nächste Pressemeldung.

Gleichzeitig hostet Frau Plattners BSI das neue Portal für durch die Sicherheitsvorschriften des Bundes betroffene deutsche Unternehmen auf AWS.

Jedes Jahr fließen Milliarden aus europäischen Haushalten und Unternehmen in die Bilanzen genau jener US-Konzerne, die in Washington als nationale „Assets“ gelten und in Davos als Premium-Sponsoren auftreten, siehe die Milliarde in Bayern. Die Absurdität: Europa formuliert Regeln, kauft aber weiter im großen Stil proprietäre Infrastrukturen ein. Genau diese Einnahmen finanzieren dann wiederum das Sponsoring und die politische Positionsarbeit, die dafür sorgt, dass Europas Souveränitätsanspruch möglichst weichgespült bleibt. Ein Kreislauf.

Das USA House in Davos fügt sich in ein Muster: Schon der neue Ballroom des Weißen Hauses wurde freundlich mitfinanziert von Firmen wie Amazon und Microsoft. Man renoviert eben gern dort, wo man später tanzen möchte.

Davos als Vorzimmer – nicht als Weltregierung

Davos und Bilderberg sind keine geheimen Schattenregierungen, sondern etwas viel Banaleres: ein Vorzimmer der Macht.

Hier werden keine Gesetze geschrieben, aber hier wird verabredet, wer im Raum sitzt, wenn sie geschrieben werden. Das USA House ist die perfekte Metapher: privat finanziert, religiös dekoriert, handverlesen zugänglich.

Wer hineindarf, ist nicht einfach „Teil des Dialogs“. Er ist Teil der Architekturen, die später als Sachzwang verkauft werden.

Ein in Leder gebundes Notitzbuch sowie ein edler Füllfederhalter mit der Aufschrift Bilderberg

Das Learning: Souveränität beginnt beim Kassenbeleg

Was also tun? Die Antwort ist nicht, jede Kooperation abzubrechen und sich mit einem Debian-ISO in die Waldhütte zurückzuziehen, so einladend das klingen mag. Aber wir brauchen eine neue Form der Ehrlichkeit: Digitale Souveränität ist kein Projekt, das man mit einem Workshop erledigt, sondern eine Frage der täglichen Hygiene. Für Individuen, Mittelständler, Konzerne, Nationen.

  1. Partnerprogramme sind Machtinstrumente. Wer mitspielt, finanziert Strukturen mit, die bis in die Weltpolitik ragen.
  2. Tech-Konzerne sind politische Akteure. Die Illusion des „neutralen Plattformbetreibers“ ist spätestens mit der Millionenzahlung für das USA House erledigt.
  3. Souveränität ohne Geldflussanalyse ist wertlos. Wer über Unabhängigkeit reden will, muss dahin schauen, wo Budget und Macht ineinanderlaufen.

Am Ende sind wir wieder bei Mario Puzo's Paten: Draußen wird gefeiert und diskutiert. Drinnen sitzt der Don, empfängt Geschenke und merkt sich, wer loyal war. Davos 2026 ist nur die Premium-Version. Die Kapelle ist englisch, der Teppich ist neu, die Sponsoren sind global – und die Pointe ist brutal simpel: Es braucht keine Weltverschwörung.

Er reicht wenn gute Menschen wegschauen, wenn Opportunisten dies als "normal" abnicken.
Es reicht, wenn die Falschen sich zu sicher sind, dass niemand mehr so genau hinschaut.

  • Cashflow-Analyse statt Hochglanz-Folklore: Höre auf zu fragen, was das Feature kann. Frage, wohin das Geld fließt. Wenn deine Lizenzgebühren direkt in die „Landschaftspflege“ politischer Vorzimmer fließen, finanzierst du die Lobbyarbeit gegen deine, unsere eigenen Interessen. Souveränität heißt, den Geldhahn dort zuzudrehen, wo er zur Fessel wird.
  • Loyalität ist keine IT-Strategie: Partnerprogramme und „Incentives“ sind die digitalen Äquivalente zu Treuepunkten beim Dealer. Sie belohnen freiwillig gewählte Abhängigkeit, nicht Exzellenz im Sinne des Kunden. Ein souveränes Unternehmen braucht keinen Partnerstatus von Unternehmen, die in Davos Kapellen für autokratische Präsidenten mieten. Echte Autonomie braucht die Freiheit, morgen kündigen zu können, ohne dass der Betrieb stillsteht.
  • Diversität als Überlebensinstinkt: Wer alles auf die eine Hyperscaler Cloud-Karte setzt, hat keinen Partner, sondern einen Vermieter, der jederzeit die Schlösser austauschen kann. Wirkliche Unabhängigkeit entsteht erst durch Hybridität, offene Standards und dezentrale Dienste. Nicht als nettes Extra, sondern als strategische Brandschutzmauer gegen "wohlmeinende" politische Interessen (wie beim Einsatz von Peter Thiels Palantier) und Machtpolitik im Maßanzug.

Das bittere Fazit: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Liturgie. Es wird Zeit, dass wir aufhören, für einen Gottesdienst zu spenden, bei dem wir nur als Statisten in den hinteren Bänken vorgesehen sind. Am Ende sind wir wieder beim Paten: Draußen wird gefeiert, drinnen sitzt der Don und merkt sich, wer loyal war.

Es braucht keine Weltverschwörung.
Es reicht, wenn gute Menschen wegschauen.
Es reicht wenn Opportunisten dies als „normal“ abnicken.
Es reicht, wenn die Falschen sich zu sicher sind, dass niemand mehr so genau hinschaut.

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