Bye bye Papst.

Der Verkauf von ebm-papst zeigt, dass digitale Souveränität nicht bei Software endet. Sie entscheidet sich auch bei Strom, Kühlung und Kapital.

Schwarz-weiße Skizze eines Ventilators von ebm-papst mit der Notiz „PAPST – mein Klassiker – (4412 F/2G)“.

Wenn wir Freiheit wollen, müssen wir die Verfügungshoheit behalten. Gerade im liberalen Selbstverständnis.

In Schwaben gibt es den Weltmarktführer für Ventilatoren, ebm-papst aus Mulfingen, dieses Unternehmen wird nun amerikanisch. Bisher im Besitz von einer Handvoll deutscher Eigentümerfamilien, die ihre Anteile an Madison Air in Chicago veräußern, ein geschätzter Unternehmenswert von knapp 5 Milliarden Euro, die Umsetzung ist geplant für Ende 2026.

Wie immer bei sogenannten Mergern ist vordergründig die Ausgangslage gesichert. Der Hauptsitz bleibt wo er ist, die Tarifverträge werden honoriert, die Arbeitsplätze sollen bleiben. Die Pressemitteiling liest sich wie ein Memo zum gemeinsamen Team-Event inklusive der Hochglanzseiten über neue Partner, mehr operatives Kapital, sicher ergänzende Stärken.

Reflexhaft nicken wir. Als Liberale nicken wir hier besonders, weil unser Nicken hier wie die Erfüllung unserer Prinzipien wirkt. Ein Effekt freien Marktes, freier Eigentümer, am Ende eine freie Entscheidung. Natürlich, das ist alles richtig. Und trotz alledem ist es am Ende dieses bestätigenden Nickens ein Stück weniger Wirtschaftskraft, über das wir verfügen. Es reiht sich erschreckend ein in die Runde mit Hornetsecurity in die USA, die Software AG in die USA, Nexperia nach China.

Niemand zahlt pauschal fünf Milliarden für einen Lüfterhersteller, weil er Lüfter für Konsumenten mag. Madison Air selber erwirtschaftet sein Geld derzeit nur in den USA und will in Europa expandieren, ein großer amerikanischer Marken-Rollup mit Marken wie Big Ass Fans (ja, die heißen wirklich so) und Nortek Data Center Cooling im Portfolio. Aber jetzt wird's spannend, denn sein Versprechen an die Börse heißt heute Kühlung von KI-Rechenzentren. Natürlich. KI ist in aller Munde, wenn ich für den Spruch jeweils einen Euro bekäme ... naja. Den Grund nennen die Familien, die abgeben, selbst, müssten es aber gar nicht. Rechenzentren und KI-Infrastruktur, die Aussichten auf neue Umsätze sind verlockend und immens. Längst geht es hier um den Griff nach dem Backbone der (europäischen) IT-Infrastruktur.

Unsere Souveränitätsdebatte kreist seit Jahren um immer dieselben eingefahrenen Hyperscaler, Office- und Abonnement-Modelle, die sich manchmal mehr nach Steuern als nach Freiheit anfühlen. Alles Software, alles polierte Oberfläche. Manchmal sagt jemand lapidar, wir könnten nicht mal Chips (stimmt nur begrenzt, 70 % der weltweit relevanten Lithographiemasken für Chips kommen wiederum von Zeiss). Aber darunter liegt eine physische Basis, die man nicht wegdiskutieren kann. Diese besteht aus Beton, Strom und Kühlung. Wer nun die Unternehmen kontrolliert, die diese Fundamente errichten, der hält seine Faust um eine Abhängigkeit, die in keiner Strategie steht, weil ein kleiner Ventilator zu unscheinbar wirkt, um ein relevantes Politikum zu sein. Aber er ist es, manchmal mehr als das nächste Office-Paket. ebm-papst liefert wesentlich mehr, auch die notwendige Steuerungssoftware, NEXAIRA regelt die Kühlung datengetrieben, zweifellos eine perfekte technische Umsetzung. Unser altbekanntes BigTech-Muster wiederholt sich einen Layer tiefer. Die Wertschöpfung wandert in die Software, die Software wandert dann mit der eigentlichen Basis, der Hardware ab.

Ich sage es mal ganz klar, es ist kein Vorwurf an die Familien. Nach Jahrzehnten erfolgreichen Aufbaus zu verkaufen ist eine legitime Entscheidung freier Menschen, kein Verrat. Die amerikanische Madison bringt Kapital und einen Markt, den hier in Europa niemand geboten hat. Genau das ist der Punkt, der uns wehtun sollte, der mir weh tut. Die Verkäufer nennen den Zugang zu US-Kapitalmärkten ausdrücklich als den essenziellen Vorteil. Daran trifft Amerika keine Schuld. Europa stellt sich damit selbst ein Zeugnis aus, unterschrieben von Leuten aus der Wirtschaft, die es besser wissen als jeder Ökonom, Journalist oder Politiker. Wer hier bei ihnen nach Schuld sucht, sucht am falschen Ort. Das Problem sitzt im System, in unserem System, und das System haben wir speziell in der verkrusteten Merkel-Ära mitgebaut.

Der Reflex kommt sofort. Hauptsitz bleibt, Jobs bleiben, halb so wild. Beides stimmt, und beides geht am Kern vorbei. Ein Hauptsitz ist eine Adresse. Eigentum ist ein Hebel. Wem etwas gehört, der entscheidet über Investition, über Priorität und im Ernstfall über Zugang. Und der Ernstfall ist keine Theorie mehr. Man muss die USA nicht zum Feind erklären, um zu sehen, dass eine heute freundliche Jurisdiktion morgen eine Rechnung aufmachen kann. Wir erleben es doch gerade. Amerikanische Zölle auf europäische Waren, gegen die Europa die eigenen abgeräumt hat. Sicherheitsgarantien, die als Verhandlungsmasse auf dem Tisch lagen. Eine Exportauflage, die ein KI-Modell über Nacht aus Europa nahm und Tage später wieder freigab, als wollte jemand nur kurz zeigen, wo der Schalter sitzt. Wer Kontrolle abgibt, überlässt anderen die Definition dessen, was im Ernstfall überhaupt möglich ist.

Und hier wird es wie oft dieser Tage unbequem für unsere eigene Partei. Freiheit ist kein diffuses Gefühl oder eine Vorstellung. Freiheit ist reale, hart messbare Verfügungsgewalt. Wenn wir nicht mehr über passende Mittel verfügen, verteidigen wir die Freiheit nur noch als eine nette, verklärte Erinnerung. Ein selbsterklärter Liberaler, der beifällig offenen Märkten dabei zusieht, wie sie die strategische Substanz seines Landes Tag für Tag, Euro für Euro abtransportieren, verwechselt ein Mittel mit einem Zweck. Der Markt war für uns doch nie der Zweck! Er war - und ist meiner Meinung nach - das beste bekannte Mittel zur Freiheit neben der Demokratie. In dem Moment, in dem der Markt selber die Grundlage dieser Freiheit verkauft, haben wir als Liberale eine klare Aufgabe, keine halbgare Ausrede.

Ich weiß, welches Wort jetzt empört gerufen wird. Protektionismus! Das Schimpfwort, das Scheckgespenst, das Totschlagargument, mit dem wir vielleicht zu oft jede Debatte beenden, bevor sie anfängt. Nennt es, wie ihr wollt, das Label ist egal. Es bedeutet einfach nur, dem motivierten und gutbetuchten Übersee-Einkäufer nicht das Dach über unserem Kopf zu verkaufen. Der fast pawlowsche Reflex, jedes uns schützende Instrument aus Prinzip erst einmal abzulehnen, ist zu einem leeren Ritual verkommen. Rituale kosten erst einmal nichts, bis sie am Ende alles kosten können. Walter Eucken wollte einen starken Staat, der die Ordnung setzt. Beim Abfluss zuzusehen und ihn als natürliche Ordnung und Freiheit zu titulieren, hätte damit wenig gemein.

Das passende Werkzeug hätte unser Staat längst. Über das Außenwirtschaftsrecht kann er (mit entsprechenden gurten Hürden) jederzeit den Erwerb durch unpassende Käufer von außerhalb der EU erst prüfen und dann sogar ganz stoppen. Allerdings zielt es auf sehr eng definierte kritische Infrastruktur - vielleicht ist dies in den Tagen modernerer Auseinandersetzungen überarbeitungswürdig - und ein Hightech-Ventilatorenbauer fällt bewusst oder unbewusst hier nicht darunter. Das ist vielleicht ein Versäumnis, wie eine lange nicht aktualisierte Landkarte. Die energetische und thermische Schicht eines modernen KI-Rechenzentrums ist innerhalb weniger Jahre zur kritischen Infrastruktur geworden, während unsere Definitionen dort stehen blieben, wo perfekt optimierte Kühlung noch ein Nice-to-have war, Energie noch zum Spottpreis verfügbar war. Das Kriterium darf nicht pauschal die Flagge des Käufers sein. Entscheidend ist die Frage, ob die Verfügungsgewalt über etwas für uns Kritisches unter fremde und gegebenenfalls unfreundliche Jurisdiktion wandert. Und gerade die letzten Jahre haben uns gezeigt, wie wenig alte Bündnisse von einem Moment auf den anderen, einen Menschen auf den nächsten noch wert sein mögen. Nach diesem Maßstab, nur nach diesem einen einzigen, gehört auch ein Verbündeter geprüft.

Und trotzdem ist solch ein Veto der vordergründig einfache, jedoch schwächste Teil der Antwort. Unabhängigkeit entsteht nicht durch Verkaufsverbote. Das Bleiben muss attraktiver werden als das Gehen; dann gewinnt man, evebnntuell kommen sogar andere zu uns.

Eine Mauer aus dem Hintertreffen konserviert nur das Hintertreffen, und ausgerechnet wir sollten wissen, dass geschützte Champions verlernen, was ebm-papst am Weltmarkt gelernt hat. Der eigentliche Hebel liegt lange vor dem Notartermin. Bei Kapitalmärkten, die Wachstum finanzieren, statt es in die USA zu schicken. Bei Energiekosten, die Standort bedeuten und nicht Abwanderung. Bei einer Nachfrage, die der Staat über seine eigene Beschaffung erzeugen könnte, statt sie zu importieren. Das ist unser Programm, oder es sollte es sein.

Wir streiten leidenschaftlich darüber, wer unsere Software betreibt, und übersehen, wer unsere Maschinen kühlt. Souveränität endet nicht am Betriebssystem. Sie endet an der Steckdose und am Ventilator. Eine Freiheit, die man sich von jemandem genehmigen lassen muss, dem alles gehört, ist keine Freiheit mehr, sondern eine Leihgabe. Wenn uns dieses Wort nicht in den Ohren wehtut, waren wir nie das, was auf unseren Plakaten steht.

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