Europas langsames Erwachen aus der digitalen Kolonie

Europa wacht auf – mit Kopfschmerzen und der Erkenntnis, dass wir uns in eine digitale Abhängigkeit manövriert haben, die Milliarden kostet. Warum „Souveränitätswashing“ uns nicht rettet und warum der Mittelstand jetzt die Reißleine ziehen muss.

Ein US-Kolonialherr (Trump-Stil) markiert AI & Cloud als US-Claims. Ein wütendes Schuppentier (Pangolin) ballt davor die Faust zum Widerstand gegen die digitale Landnahme.
Die digitale Landnahme: Wenn Infrastruktur zur Kolonialware wird.

Europas langsames Erwachen aus der digitalen Kolonie

Europa beginnt aufzuwachen. Nicht panisch, nicht heroisch, eher so, wie man aus einem langen, ungesunden Schlaf erwacht: mit Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit und der leisen Ahnung, dass man viel zu lange geschlafen oder weggeschaut hat.

Die Begriffe der „digitalen Kolonie“, die "digitale Souveränität", "Haltung", "Souveränitätswashing" galten lange als überzogen. Aktivistenworte. Aus der linken Ecke. Diese komischen Typen aus der Richtung der CCC-Bubble. (Richtigstellung: Das sind alles großartige Menschen. Von denen die ich bisher kennen durfte kann ich mir die sprichwörtliche Scheibe abschneiden). Dramatisierung. Inzwischen wird er von der fachlichen und wissenschaftlichen Mitte benutzt, unter anderem von der renommierten deutschen Gesellschaft für Informatik, also genau jenen, die man sonst eher für nüchterne Analyse als für Revolutionsromantik kennt. Wenn solche Organisationen diesen Begriff wählen, dann sicher nicht aus Lust an der Provokation, sondern weil die Beschreibung passt. Und wenn diese Spezialisten mahnen, sind wir gut beraten zuzuhören und zu handeln.

Abhängigkeit ist kein Gefühl, sondern eine Zahl

Europa ist heute in weiten Teilen digital abhängig. Nicht nur von Software, sondern von kompletten Wertschöpfungsketten: Cloud-Infrastruktur, Plattformen, Betriebssysteme, Entwicklungswerkzeuge, Datenräume, KI-Modelle. Der Löwenanteil davon stammt aus den USA. Wer glaubt, das sei nur ein theoretisches Problem, verwechselt Bequemlichkeit mit Stabilität.

Cloud-Dienste sind kein nettes Zusatztool mehr, sondern kritische Infrastruktur. Verwaltung, Industrie, Gesundheitswesen, Energie, Logistik – alles hängt daran. Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert im Zweifel auch die Spielregeln. Das ist keine Ideologie, das ist Machtarithmetik.

Exemplarisch: Statista weist bei der Microsoft Corporation einen Jahresumsatz in 2024 in Höhe von 248 Milliarden USD bei einem Reingewinn von 82 Milliarden USD. Bei Oracle lag der Umsatz bei etwa 57 Milliarden USD, der Gewinn bei 38 Milliarden. Bei AWS 107 Milliarden Umsatz, 40 Milliarden Gewinn. Bei Meta waren es 164 Milliarden Umsatz mit 62 Milliarden Gewinn. Wir reden hier bei nur 4 beispielhaften Spielern über einen Umsatz in Höhe von 576 Milliarden USD und einem Reingewinn in Höhe von fast 280 Milliarden Euro. Berücksichtigen wir noch dass ein Großteil des Deltas zwischen Umsatz und Gewinn in die Zementierung des technologischen Vorsprungs hinsichtlich A.I. investiert wird, verändert sich das Bild noch einmal erheblich.

Etwas 30% dieser Umsätze sind direkter Finanzabfluss aus Europa. Mit allen Folgen. Plakativ können man sagen hier wird jede Menge Rahm abgeschöpft.

Um uns einmal die Zahl zu visualisieren: Das wären etwa 84 Milliarden USD. Ausgeschrieben:
84.000.000.000 USD. Pro Jahr. Tendenz 25% Wachstum jedes Jahr.

Deutschland & Europa: große Worte, kleine Wirkung

Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung klang seinerzeit alles richtig: Open Source by default, Public Money, Public Code, offene Standards, souveräne Verwaltungs-Cloud. Man hätte es kaum besser formulieren können.

Die Realität fiel sehr ernüchternd aus. Laut der Gesellschaft für Informatik lag der Open-Source-Anteil an den Software- und Dienstleistungsausgaben des Bundes bei rund 0,5 Prozent. Nicht fünfzig. Nicht fünf. Ein halbes Prozent. Das ist kein Umsetzungsproblem, das ist ein strukturelles Versagen.

Deutschland stellte mit dem Souvereign Tech Fund 16 Millionen Euro für die Förderung von Open Source in Europa zur Verfügung. Also weniger als die Hälfte der 40 Millionen für das berühmte "Klimaschutz durch Fahrradschnellwege" in Peru.

Statt Abhängigkeiten zu reduzieren, wurden neue Lock-ins geschaffen. Projekte, die faktisch die Marktmacht weniger US-Anbieter weiter zementierten. Die GI spricht offen von der Gefahr, Deutschland entwickle sich zur digitalen Kolonie. Nicht, weil niemand es besser wüsste – sondern weil niemand die Konsequenzen zieht.

Bayern und die Milliarde – Symbolpolitik in Reinform

Besonders aufschlussreich ist der Streit in Bayern um die angekündigte Milliarde für digitale Souveränität. Politisch wurde viel versprochen, kommunikativ noch mehr. Doch je genauer man hinschaut, desto unschärfer wird das Bild.

Wofür genau soll dieses Geld eingesetzt werden? Für offene Basistechnologien? Für europäische Anbieter? Für echte Alternativen? Oder am Ende doch wieder für „souveräne“ Varianten bestehender Hyperscaler-Angebote, bei denen sich an der Machtverteilung exakt nichts ändert, nein, im Gegenteil, den technologischen Vorsprung immer weiter zementiert?

Der öffentlich ausgetragene Streit zeigt exemplarisch das europäische Dilemma: Man erkennt das Problem, greift aber reflexhaft zu den Werkzeugen, die es erst geschaffen haben. Und dann gibt es natürlich durchaus starke Lobbies. Digitale Souveränität wird so zur Etikette, nicht zur Architektur.

Die „souveräne Cloud“ – ein Begriff, der viel verspricht und wenig hält

Wie groß die Diskrepanz zwischen Marketing und Realität ist, zeigt die Bewertung der „European Sovereign Cloud“ von AWS. Selbst Gartner, wahrlich kein anti-amerikanisches Kampagnenblatt, kommt zu einer bemerkenswert nüchternen Einschätzung: Das Angebot ändere wenig an den grundlegenden Abhängigkeiten. Kontrolle, Governance, rechtliche Zugriffsmöglichkeiten und wirtschaftliche Wertschöpfung blieben außerhalb Europas verankert.

Eine Cloud wird nicht dadurch souverän, dass sie in Europa steht oder ein neues Label trägt. Souveränität entsteht durch Kontrolle, Transparenz, Exit-Fähigkeit, Fortführungsfähigkeit ohne den Anbieter sowie volle Rechtsdurchsetzung. Alles andere ist Beruhigungskommunikation.

Das EU-Parlament: spät, aber bemerkenswert klar

Parallel zu diesen nationalen Fehlstellen hat sich auf EU-Ebene etwas verschoben. Das Europäische Parlament fordert inzwischen offen eine Reduktion der Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen, den Aufbau eines europäischen „Eurostack“ und eine aktive Industriepolitik für digitale Basistechnologien.

Bemerkenswert ist weniger, dass diese Forderungen kommen, sondern wie klar sie formuliert sind. Es geht nicht mehr nur um Regulierung, sondern um strukturellen Aufbau: Cloud, Datenräume, KI, Chips, Netze – interoperabel, offen, europäisch kontrollierbar.

Regulierung wie DSA und DMA wird dabei ausdrücklich mit Industriepolitik verknüpft. Monopole einhegen reicht nicht, wenn man keine Alternativen aufbaut. Das ist ein Paradigmenwechsel. Auf leisen Sohlen, aber fundamental.

Open Source: kein Selbstzweck, sondern Machtfrage

Open Source spielt in all diesen Debatten eine zentrale Rolle. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus strategischer Notwendigkeit. Wer den Quellcode kontrolliert, kann wechseln, prüfen, anpassen. Wer ihn nicht kontrolliert, ist abhängig. Selbst dann, wenn der Server im eigenen Land steht.

Die deutsche Praxis zeigt jedoch, dass Open Source ohne Governance wirkungslos bleibt. Ohne verbindliche Vorgaben, ohne Kompetenzzentren, ohne Budgethoheit wird es immer der „nice to have“-Pfad bleiben, während proprietäre Lösungen als vermeintlich alternativlos durchgewunken werden.

Der Mittelstand: Vom Getriebenen zum Gestalter

Der europäische Mittelstand ist kein Opfer dieser Entwicklung, sondern ein unterschätzter Hebel und Mitgestalter. Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben Chancen, die Großkonzerne längst verspielt haben: kürzere Entscheidungswege, geringere Legacy-Abhängigkeiten und die Fähigkeit, Architekturentscheidungen noch bewusst auf Geschäftsführerebene zu treffen. Wer heute als Mittelständler Cloud, Software und Plattformen auswählt, entscheidet nicht nur über Kosten, sondern über strategische Handlungsfreiheit für die nächsten zehn Jahre. Und er setzt ein ethisches Signal.

Digitale Souveränität ist für den Mittelstand keine ideologische Frage, sondern eine betriebswirtschaftliche. Offene Standards, Open Source, europäische Anbieter und Exit-Fähigkeit sind keine „nice to haves“, sondern Versicherungspolicen gegen Preisdiktate, Lizenzschocks und geopolitische Risiken. Genau hier liegt eine reale Chance: Der Mittelstand kann Vorreiter sein, weil er noch gestalten kann. Nicht perfekt, nicht dogmatisch, aber bewusst, offen und: Ja, auch marketingwirksam.

In dem Kontext sind natürlich Themen wie die DSGVO und NIS2 relevanter denn je. Und ebenfalls das Thema SAM (Software Assset Management). Compliance hinsichtlich der Lizenzmodelle ist auch bei Open Source kein triviales Thema.

Die Privatperson: Breitenwirkung statt Sonntagsrede

Doch digitale Souveränität wird nicht allein in Vorstandsetagen entschieden. Sie wird im Alltag verankert – oder eben nicht. Privatpersonen sind keine Randfiguren dieser Debatte, sondern ihre Multiplikatoren. Jede Entscheidung für oder gegen einen Dienst, ein Ökosystem, eine Plattform verstärkt bestehende Machtverhältnisse oder schwächt sie.

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Man hat uns beigebracht, dass Obst und Gemüse vom Biomarkt besser sind. Dass regionale Produkte nachhaltiger sind. Dass man nicht alles blind aus der anonymen Massenproduktion beziehen sollte, wenn man Wahlmöglichkeiten hat. Genau diese Logik gilt auch digital.

Wer digitale Selbstbestimmung will, muss sie leben – nicht perfekt, aber bewusst. Ein Digital Independence Day entsteht nicht durch Verordnungen, sondern durch Millionen kleiner Entscheidungen, die sich addieren. Durch viele Enthusiasten die ihre Erfahrungen teilen - schaut Euch hier gerne meinen Artikel an: Was haben ein Pinguin, ein Pandolin und ein Känguru gemeinsam? Und warum das bei E-Mail relevant ist.

Europas langsames Erwachen

Europa ist nicht ohnmächtig. Aber es ist spät dran. Die letzten Jahre waren geprägt von wohlklingenden Strategien ohne Durchsetzungskraft. Jetzt beginnt sich etwas zu bewegen: im EU-Parlament, in Fachverbänden, in Teilen der Wirtschaft.

Und ja. Einige Unternehmen werden sagen "Wir sind sind zu groß, zu alt, zu behäbig, zu sehr in der Stockholm-Bubble, haben unsere ganze Existenz um diese Abhängigkeit gebaut. Ich sage euch es geht. Wenn ihr nur wollt! Habt ein bisschen Courage! Hört euch gerne mal den Text von Placebo's nahezu prophetischem Text an: "All it takes is one decision A lot of guts, a little vision".

Und es gibt Menschen, Spezialisten, Enthustiasten, die euch auf dem Weg gerne helgen. Die Gesellschaft für Informatik, die Open Source Businesss Alliance, der Alasca e.V., der CCC, die Initiative Digitale Freiheit Bayern um nur ein paar zu nennen. Ganz zu schweigen von den vielen großartigen Unternehmen die diesen Weg mit uns gestalten und gehen.

Ob daraus echte digitale Souveränität entsteht, entscheidet sich jedoch nicht an Sonntagsreden, sondern an Vergaberegeln, Budgets, Architekturentscheidungen und unserer ganz individuellen persönlichen Bereitschaft, kurzfristige Bequemlichkeit und hochpolierte BigTech gegen langfristige Gestaltungsfreiheit zu tauschen.

Europa erwacht langsam. Die Frage ist nicht mehr, ob wir abhängig sind.
Die Frage ist, ob wir den Mut haben, das zu ändern. Bevor andere den digitalen Hahn zudrehen (können).

Denkt bitte daran:

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Jeder in IT- und Cloud-Services investierte Euro, jede installierte App, jedes Handy, jeder Laptop ist eine politische Entscheidung.
Ich habe meine getroffen.
Wie ist es mit Euch?

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