Ein Waschbär lernt Rust
Ein neues Ubuntu LTS, und ausnahmsweise lohnt sich der zweite Blick. Der Waschbär ist resolut, aber die eigentliche Geschichte spielt sich nicht im Desktop ab, sondern unter der Haube. Über Rust, Lizenzen und die leise Politik im Userspace.
Ubuntu 26.04 LTS Resolute Raccoon ist da!
Und das interessanteste an diesem Release findet man nicht auf dem Desktop, sondern im Userspace.

Am Donnerstag (23. April 2026) hat Canonical Ubuntu 26.04 LTS veröffentlicht. Codename: Resolute Raccoon. Vorgeschlagen wurde der Name von Steve Langasek, dem langjährigen Debian- und Ubuntu-Release-Manager, leider Anfang 2025 verstorben. Damit trägt eine ganze Distribution ein wunderschönes stilles Denkmal vor sich her. Resolut. Unbeirrt. Passender geht es kaum für ein LTS, auf das in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ein paar Millionen Server bei Kunden, Hostern, Hyperscalern, Container-Umgebungen und Homelab-Setups bauen werden.
Das Übliche zuerst. GNOME 50, endlich Wayland-only, X11 fliegt final aus der Standardsession. Linux-Kernel 7.0 und Mesa 26.0.
TPM-gestützte Vollverschlüsselung ist im Installer jetzt allgemein verfügbar. Darüber lässt sich streiten. TPM kann Sicherheit erhöhen, kann aber auch zur Vertrauensfrage werden: Wem gehört am Ende der Schlüssel zur eigenen Maschine? Dem Nutzer, der Organisation oder dem Ökosystem drumherum?
Post-Quantum-Kryptografie ab Werk.

Besonders interessant ist Authd. Nicht, weil Ubuntu jetzt noch besser an Microsoft Entra ID andockt, das wäre 2026 ungefähr so überraschend wie ein Lizenzmodell mit AddOns. Spannend ist, dass Canonical den Weg zu Google IAM und vor allem zu freien OIDC-konformen Identity-Providern öffnet. Identität wird damit nicht automatisch zur Leine eines einzelnen Ökosystems, sondern wieder zu etwas, das man wirklich frei gestalten kann.
Dann noch Wi-Fi 7, Bluetooth 5.4, APT 3.1 mit überarbeitetem Dependency-Resolver. Dracut löst die initramfs-tools ab. Auf der Server-Seite gibt es confidential computing mit Intel TDX und AMD SEV, RVA23 als RISC-V-Baseline, native ROCm-Pakete neben CUDA. Solide durchaus begeisternde Hausmannskost für ein LTS!
Aber das ist nicht der Kern der Geschichte.
Die eigentliche Geschichte heißt Oxidation
Canonical hat angefangen, kritische Userspace-Komponenten in Rust neu zu schreiben. Oder genauer: Schritt für Schritt durch Rust-Implementierungen zu ergänzen und zu ersetzen. sudo wird zu sudo-rs. Teile der GNU coreutils werden durch uutils ersetzt. Noch nicht alles, wohlgemerkt: cp, mv und rm bleiben in 26.04 vorerst bei GNU, weil Canonical dort noch offene Sicherheits- und Kompatibilitätsthemen sieht. Aber gerade das macht den Vorgang interessant. Das ist kein blindes „Rust ist neu, also besser“, sondern ein kontrollierter Austausch am offenen Herzen.
Die offizielle Begründung lautet Speichersicherheit, und das ist sicher nicht falsch. Rust hat seinen Borrow Checker nicht zur Zierde. Aber der eigentliche Witz ist ein anderer. Diese Werkzeuge sind so alt, dass sie die meisten Memory-Bugs vermutlich schon hinter sich haben, die sind sauber, laufstabil und aus-entwickelt. Was Rust hier wirklich liefert, ist ein essentieller Generationenwechsel. Eine Codebasis, in der heutige Entwickler arbeiten wollen. Ohne autotools-Gebastel, ohne dreißig Jahre Konvention, ohne C-Footguns.
Hinter sudo-rs steht übrigens die Trifecta Tech Foundation, die sich auf "open infrastructure software in the public interest" spezialisiert hat. Dieselbe Stiftung verantwortet zlib-rs und ntpd-rs. Genau die Sorte Infrastrukturarbeit, über die niemand redet, bis sie schiefgeht. Plötzlich ist sie überall. Und es ist beruhigend, dass jemand sie macht, der nicht am Tropf der "Großen" hängt.
Wer den Übergang testen will, ohne sein System zu pflastern, greift zu oxidizr. Ein wirklich nützliches kleines Werkzeug, das die alten Tools sichert, gegen die Rust-Varianten austauscht und auf Wunsch wieder zurückrollt. "Very british" in seiner Höflichkeit.
Wie immer: Die unbequeme Frage beinhaltet das Wort Lizenz
Hier wird es interessant.
Die GNU coreutils stehen unter der GPL. uutils stehen unter MIT. Das ist kein technisches Detail. Das ist ein Bekenntnis. Die GPL garantiert bei Weitergabe abgeleiteter Werke, dass Quellcode und Freiheitsrechte mitwandern. MIT ist permissiver. Wer MIT-Code nimmt, darf ihn sehr weitgehend auch in proprietäre Produkte einbauen. Das kann man pragmatisch finden. Man sollte nur nicht so tun, als sei es politisch neutral.
In einer Zeit, in der Hyperscaler reihenweise GPL-Komponenten gegen permissiver lizenzierte Alternativen tauschen, ist die Richtung klar. Es geht nicht nur um Memory-Safety. Es geht (verständlicherweise) auch um Verwertbarkeit.
Wer digitale Souveränität ernst nimmt, sollte das mitlesen. Souveränität ist nicht nur eine Frage von Datenstandort und einem Open-Source-Etikett. Sie ist eine Frage davon, welche Rechte die Lizenz dem Nachnutzer garantiert. Wer die GPL aufgibt, gibt Garantien auf. Punkt. Das ist durchaus akzeptabel, man muss sich nur darüber im Klaren sein.
Das macht die Oxidation überhaupt nicht falsch. Es macht sie jedoch politisch. Wer mitmachen will, sollte wissen, was er unterschreibt.
Was sonst noch zählt
Der Boot-Spinner ist neu, inspiriert vom Sunburst-Schwanz des Maskottchens, läuft jetzt mit 60 fps. Ein liebenswertes Detail, das überhaupt nichts ändert und alles verrät. Hier hat sich jemand (ein richtiger Enthusiast) Gedanken gemacht. Ubuntu MATE hat diesmal keinen LTS-Status bekommen, der Projektleiter ist Ende März gegangen. Edubuntu hat einen neuen Installer mit GTK4- und Qt6-Backend. Kubuntu liefert Plasma 6.6 für alle die, die ihre Windows-ähnliche GUI noch nicht loslassen können. Die Hardware-Anforderungen sind leicht gestiegen, sechs Gigabyte RAM für Desktop, fünfundzwanzig auf der Platte. Wer noch wirklich alte Hardware betreibt, greift dann zu Xubuntu oder Lubuntu.

Kernel-Livepatch funktioniert jetzt auch auf ARM64, sched_ext erlaubt hot-swappable eBPF-Scheduler, Crash Dumps sind im Desktop standardmäßig aktiv. Kleinigkeiten, die im Alltag fast nie auffallen und im Ernstfall den riesigen Unterschied machen.
Standard-Support läuft fünf Jahre, mit Ubuntu Pro werden zehn daraus, mit Legacy-Add-on sogar fünfzehn. Wer ein LTS einmal sauber aufsetzt, kann theoretisch bis 2041 darauf sitzen. Das ist eine eigene Form von digitaler Souveränität: Zeit. Nicht jedes System muss im Takt der nächsten Hardware-Anforderung, Konto-Integration oder Designentscheidung durchs Dorf getrieben werden.
Persönlich
Ich lerne gerade Rust. Anfänger, ganz wenig Vorkenntnisse, der ehrliche Weg über Bücher und kleine Projekte. Und während ich gerade versuche zu verstehen, was Lifetimes eigentlich von mir wollen, schreibt eine der ganz großen Distribution ihre Werkzeugkiste in genau dieser Sprache neu. Das ist eine eigenartige und sehr befriedigende Gleichzeitigkeit. Was ich mühsam Zeile für Zeile begreife, läuft demnächst als ls und cat auf jedem Ubuntu-Server dieser Welt.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Resolute Raccoon ist kein Release, das seine Bedeutung über neue Widgets, KI-Knöpfe oder noch eine tiefere Konto-Verzahnung verkauft. Es tauscht Werkzeuge im Fundament aus. Leise und unspektakulär. Genau dort, wo Betriebssysteme eigentlich ernst werden.
Und das ist meiner Meinung nach ein deutlich interessanterer Vorgang, als die meisten Release-Notes vermuten lassen.
Während anderswo Betriebssysteme zunehmend als reines Frontend für Cloud-Dienste verstanden werden, wirkt Ubuntu 26.04 fast altmodisch erwachsen: Es kümmert sich um sudo, ls, coreutils, initramfs, Scheduler, Crash Dumps und Kryptografie. Also um die Dinge, die niemand auf Bühnen beklatscht, die aber darüber entscheiden, ob Infrastruktur trägt oder nur hübsch blinkt.
Der Waschbär ist resolut. Speziell im Untergrund, im Fundament.
Update meines Heimsystems? Das ZBook auf jeden Fall. Die Server? Noch nicht.

Aktuell läuft hier ein stabiles Setup, und ein LTS wird (so sagt man) traditionell erst dann produktiv, wenn das erste Point-Release durch ist. 26.04.1 ist für den 6. August 2026 angesetzt. Bis dahin wandert die Resolute-Raccoon-ISO in eine VM und auf das ZBook. Genug Zeit, ein paar Lifetimes zu verstehen.
One Rust crate. One homelab. One less excuse.