Warum ich meine Inhalte nicht mehr für Algorithmen schreibe – oder ...
Digitale Souveränität beginnt bei der Distribution eigener Inhalte. Warum ich meine Texte nicht mehr für Plattform-Algorithmen schreibe und weshalb RSS ein unterschätztes Werkzeug struktureller Unabhängigkeit ist.
Warum RSS kein Retro, sondern digitale Souveränität ist
Gestern habe ich auf Linkedin einen Post veröffentlicht, der für viele wie ein Abschied klang. Es war jedoch kein Abschied im Zorn und auch kein impulsives digitales Türknallen. Vielmehr war es eine strategische Neujustierung meines digitalen Fußabdrucks.
Digitale Souveränität ist ein Begriff, der oft in Hochglanzbroschüren über Förderprogramme und europäische Rechenzentren strapaziert wird. Aber Souveränität beginnt für mich nicht erst in der (vielleicht selbst betriebenen) Cloud-Infrastruktur; sie beginnt dort, wo die eigenen Gedanken wachsen, wohnen und verteilt werden. Die unbequeme Frage: Lebe ich eigentlich konsequent das, was ich beruflich predige?
Der schleichende Wandel zum „Schreib-Modell“
Wer regelmäßig auf großen Social-Plattformen veröffentlicht, kennt das Spiel und die schleichende Veränderung des eigenen Ausdrucks. Man schreibt einen Artikel und beginnt schon reflexartig mit der Optimierung: Sind die ersten zwei Zeilen spannend genug für die maximale „Scroll-Stop-Wahrscheinlichkeit“? Sind die Absätze kurz genug für die flüchtige mobile Aufmerksamkeit? Passen die Hashtags für das Reichweiten-Clustering? Und (ganz wichtig) ist die Formulierung spitz genug, um den Algorithmus zu triggern?
Irgendwann merkt man: Man schreibt nicht mehr primär für Menschen. Man schreibt für ein mathematisches Modell. Algorithmen Dritter sind nicht neutral; sie priorisieren, sortieren und gewichten nach Regeln, die nicht auf Wahrheit, Qualität oder Differenzierung ausgelegt sind, sondern auf maximale Verweildauer und Interaktion. Das ist (natürlich) keine offene Zensur. Aber es ist eine strukturelle Form der Sichtbarkeitssteuerung. Nicht-konforme Inhalte werden nicht verboten, sie werden lediglich systematisch seltener sichtbar, wenn sie sich der emotionalen Zuspitzung verweigern. Das mag ökonomisch logisch sein, ist aber für einen echten fachlichen Diskurs fatal. Inzwischen existieren detaillierte „Reichweiten-Rezepte“: bestimmte Posting-Frequenzen, definierte Wortlängen für Kommentare, strategisches Andocken an reichweitenstarke Profile in den ersten Minuten nach Veröffentlichung. Sichtbarkeit wird optimiert wie ein Marketing-Funnel. Nicht wie ein fachlicher Diskurs.
Die Fragilität geliehener Reichweite
Ein wesentlicher Grund für meinen Schritt ist die Erkenntnis, wie fragil „geliehene Reichweite“ eigentlich ist. Wenn unsere gesamte Sichtbarkeit an den Hausregeln und Geschäftsmodellen weniger globaler Plattform-Giganten hängt, begeben wir uns in eine Abhängigkeit, die weit über das Technische hinausgeht. Wer auf fremdem Terrain publiziert, unterwirft sich (oft auch unbewusst) einer fremden Logik.
Echte Souveränität bedeutet, die Kontrolle über die Distribution der eigenen Inhalte zurückzugewinnen. Auf meinem eigenen Blog gibt es keinen Algorithmus, der entscheidet, ob ein Gedanke „relevant“ genug für den Feed meiner Kontakte ist. Hier zählt das Argument, nicht der Engagement-Score. Der Umzug auf das eigene Terrain ist daher auch ein Akt der professionellen Selbstbestimmung: Mein Content, meine Regeln, meine Infrastruktur. Und eure bewusste Entscheidung, ob ihr ihn lesen wollt.
RSS: Das unspektakuläre Gegenmodell
Die Lösung für dieses Problem ist technisch gesehen fast schon langweilig: RSS. Ein offenes XML-Format ohne schickes Interface, ohne Ranking und ohne Likes. Es ist reine Infrastruktur. Du veröffentlichst, und Menschen abonnieren diesen Feed freiwillig. Der Reader zeigt chronologisch an, was neu ist, das Ganze ohne Umsortierung, ohne „Vielleicht interessiert dich auch“ und ohne algorithmische Manipulation.
RSS kennt kein Geschäftsmodell. Und genau deshalb kennt es keine Verzerrung, keine algorithmische Priorisierung. Ja, ich werde durch den Weggang von Linkedin massiv Reichweite verlieren. Aber Reichweite, die rein von einer Plattformlogik abhängt, gehört einem ohnehin nicht wirklich. Diese Reichweite ist volatil. Ein RSS-Abonnent hingegen trifft eine bewusste, aktive Entscheidung: „Diese Inhalte will ich sehen.“ Das ist langsamer als ein viraler Post, aber es ist stabiler, ehrlicher und vor allem: Für alle souveräner. Um es in der Sprache der IT-Welt zu sagen: Cloud ist bequem, aber das eigene Rack bedeutet Verantwortung und Kontrolle. Beides hat seinen Platz, aber wer Souveränität fordert, sollte sie dort praktizieren, wo er die volle Kontrolle hat.
Wie man Souveränität abonniert
RSS klingt nach Web 1.0. Technisch gesehen ist es das auch – und genau das ist seine größte Stärke. Es ist ein fertiges, funktionierendes und dezentrales Protokoll ohne Hintergedanken. Um mir zu folgen, braucht es ab jetzt nur noch einen RSS-Reader (wie FreshRSS, Feedly oder das großartige Open-Source-Projekt NetNewsWire) und meinen Feed-Link: https://pandolin.io/rss/.
Ab diesem Moment erscheinen neue Artikel (und kĂĽnftig auch mein selbstgehosteter Podcast auf Castopod) automatisch in deinem Reader. Du bestimmst, was du liest, nicht ein Ranking-Modell.
Digitale Selbstbestimmung beginnt im Kleinen
Wir diskutieren in der Branche viel ĂĽber Sovereign Cloud und die Vermeidung von Lock-in-Effekten bei Hyperscalern. Vielleicht sollten wir eine Stufe tiefer anfangen: Wer kontrolliert die Sichtbarkeit unserer Gedanken?
Wenn ich meine Texte künftig nicht mehr in 3.000 Zeichen mit fünf Hashtags und einem künstlichen Engagement-Hook verpacke, dann ist das kein Mangel an Kommunikationsfähigkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen das Diktat einer Logik, deren einzige Währung Aufmerksamkeit ist. Ich schreibe nicht gegen Algorithmen – ich schreibe nur nicht mehr für sie.
Ein Klick auf „RSS abonnieren“ ist keine Revolution. Aber es ist eine Entscheidung für die eigene, selbstgewählte Relevanz. Ich freue mich, wenn ich ein Teil davon sein darf.