Why do they love the bad guys? Part 2

Warum verteidigen manche Big Tech kritikfrei bis zur Selbstaufgabe? Ein zweiter Blick auf einen Gesprächstyp, der lieber das Spielfeld verlegt, als die Frage zu beantworten, und auf den Unterschied zwischen einer Haltung und einem Lagerreflex.

Vintage-Mosaik-Illustration: ein Mann trägt mitten im Spiel ein Schachbrett davon, die Figuren fallen herunter, während ein ruhiger goldener Pangolin mit einem Bauern zu Füßen stehen bleibt.

Es geht nie um Technik. Über einen Gesprächstyp, der das Spielfeld lieber verlegt, als die Frage zu beantworten.

Vor ein paar Tagen hatte ich wieder eine dieser Diskussionen. Eine von der Sorte, die ich in letzter Zeit auffällig oft führe, und immer mit demselben Typ Mensch, den ich damals schon in meinem ersten Artikel zu diesem Thema beschrieben hatte. Man erkennt ihn, sobald er den ersten Kommentar auf LinkedIn schreibt. Es ist der Verteidiger der großen Plattformen, der auf jeden noch so sachlichen Kratzer am goldenen Lack der Tech-Giganten reagiert, als gälte der Einwand ihm ganz persönlich. Erst die Pöbelei, dann die herablassende Pointe, irgendwann gequälte Sachlichkeit, wenn die ersten beiden nicht verfangen.


Die Verwunderung über so viel kritikfreie Treue ist berechtigt, und die Auflösung ist meistens, dass es gar nicht um die Technik geht. Schaut man ins Profil, finden sich dort zwei, drei Hersteller-Zertifizierungen seines einen "wahren" Herstellers, ordentlich aufgereiht mit Sternchen und Abzeichen, vielleicht sogar die Mitgliedschaft in einem ganz exklusiven Fanclub. Das ist keine Meinung, das ist eine Identität. Wenn die eigene Karriere, die Zertifikate und das Selbstbild auf einer einzigen Plattform stehen, dann ist Kritik an dieser Plattform keine Sachfrage mehr. Sie fühlt sich an wie ein Angriff auf den Wert der eigenen Lebensarbeit. Das ist keine Dummheit, das ist Identitätsverteidigung plus versunkene Kosten.
Upton Sinclair hat es vor hundert Jahren trocken zusammengefasst:

Es ist schwer, einen Menschen etwas verstehen zu lassen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.

Dazu kommt ein Denkfehler, der gerade deshalb so hartnäckig ist, weil die Technik zwar oft nur durchschnittlich, dafür aber extrem gut integriert ist. Aus seinem "das ist technisch exzellent" wird unmerklich "also können Einwände nur Ideologie sein". Die Kompetenz wird zum Heiligenschein, der jede strukturelle Kritik wie Sauertopferei oder Aluhut-Trägerei aussehen lässt. Mein Gegenüber misst auf einer einzigen Achse, nämlich funktioniert es und ist es Spitzenklasse. Die zweite Achse, wer es im Zweifel kontrolliert und unter wessen Recht die Daten liegen, wohin die investierten Gelder fließen, existiert in seinem Koordinatensystem vordergründig schlicht nicht. Deshalb registriert er Souveränität nicht als Argument, sondern als Rückständigkeit. Derselben Argumentation folgen die Karps, Thiels, Bezos und Zuckerbergs dieser Welt. Wir reden nicht über dasselbe. Wir messen nicht einmal in derselben Einheit.


Das eigentlich Verräterische ist aber nicht, was er sagt, sondern wie er sich bewegt. Sobald man eine Ebene hält, wechselt er auf die nächste. Eine einzige Unterhaltung wandert von der persönlichen Ebene auf die Sachebene, von dort auf die juristische, dann auf die Souveränitätsfrage, weiter zur ideologischen Keule, zur Kostenrechnung, zur Herstellerfrage und schließlich zur reinen Technologie. Jeder Sprung wird so präsentiert, als sei genau das von Anfang an der Kern der Sache gewesen. Das ist keine Widerlegung. Das ist ein erratischer Umzug. Und es ist das verlässlichste Erkennungszeichen für jemanden, der auf dem Feld, auf dem die Frage tatsächlich wohnt, nicht gewinnen kann und deshalb lieber die Frage schnell verschiebt, als sie zu beantworten.

Am schönsten zeigt sich das, wenn die Wanderung den eigenen Standpunkt überholt. An einem Punkt beschrieb mein Gegenüber den Normenkonflikt zwischen dem US Cloud Act und der DSGVO völlig korrekt. Nur ist ein Normenkonflikt per Definition kein Sicherheitsproblem. Man patcht keine behördliche Anordnung. Keine noch so gute Sicherheitsarchitektur löst die Frage, unter wessen Recht die eigenen Daten liegen. Mit diesem einen sauberen Absatz hatte er meine Position bestätigt, nicht widerlegt. Das neue Spielfeld bewies den alten Punkt. So endet das Wandern oft, im Eigentor.


Und jetzt die unbequeme Hälfte, denn der Mechanismus läuft in beide Richtungen. Den reflexhaften Anti-BigTech-Reflex gibt es in meiner eigenen ideologischen Ecke genauso. Auch dort wird aus Haltung manchmal nur ein Lagerreflex, der jede gute Nachricht über die Großen für Verrat hält. Glaubwürdig bleibt man nur, wenn man dieses Spiegelbild nicht mitspielt, und das geht am ehrlichsten, indem man die eigene Begeisterung beim Namen nennt.

Also mache ich es konkret. Auf der rein technologischen Ebene bin ich derzeit ein großer Freund von Google. Ich kenne kein zweites Haus, das Mobiltelefon, Kamera, KI-Dienste und die alltäglichen Workspace-Funktionen so nahtlos zusammenführt. Das ist nicht bloß okay, das ist wirklich beeindruckend. Nur hat es mit Datensparsamkeit oder Souveränität nicht das Geringste zu tun, und ich tue auch nicht so, als wäre es anders. Ich würde Google sogar feiern, wenn sie in Europa eine Gesellschaft gründeten, die mehrheitlich, zu 51 Prozent, in europäischer Hand liegt und vollständig getrennt hier gehostet wird. Noch lieber wäre mir, sie lizenzierten diesen Stack gleich an lokale Hoster. Bis dahin bleibt es großartige Technik unter fremder Kontrolle. Beides darf nebeneinander wahr sein, und genau das ist der Unterschied zwischen einer Haltung und einem Lagerreflex.

Falls hier jemand eine billige Gleichsetzung wittert: Die Falle ist auf beiden Seiten dieselbe, das Taubwerden durch Verschmelzung. Verschieden ist nur, worauf die Hingabe zeigt. Der eine Eiferer zeigt auf einen Hersteller und engt Freiheit ein, der andere zeigt auf das Gemeingut und will die Freiheit ausdehnen. Das adelt den zweiten Reflex nicht, ein Reflex bleibt ein Reflex. Aber es adelt die Sache dahinter.


Bleibt der praktische Schluss.
Eine bewusste oder unbewusste Identitätsverteidigung löst man nicht mit Fakten auf, egal wie gut sie sind. Nimm den Reflex deines Gegenübers also niemals persönlich. Er gilt nicht dir, er gilt dem Schutz einer (seiner) Investition. Du wirst den Verteidiger niemals bekehren, und das ist auch nicht die Aufgabe.
Du schreibst immer für die Stillen, die mitlesen. Die sehen den Unterschied zwischen einem Argument und einem Reflex ganz von allein.

Vorausgesetzt, du lieferst das eine und nicht das andere.

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