Die Cloud, die in eine Hand passt
Eine vollständige Cloud, kleiner als ein Taschenbuch, leiser als dein Laptop, sparsamer als eine Glühbirne. Über ARM, Energieeffizienz und die Freiheit, sich selbst auszusperren.
Ein kleines, energieeffizientes Stück digitale Souveränität. Und warum die Hardware dabei am wenigsten zählt.
Auf meinem Schreibtisch steht seit ein paar Tagen ein Gerät, das kleiner ist als ein Taschenbuch, leiser als der Lüfter der bei 35 Grad die Luft neben dir umrührt, und weniger Strom zieht als die Glühbirne in der Leseleuchte abends über meinem Kopf. Es betreibt eine vollständige Cloud. Dateien, Versionsverlauf, geteilte Ordner, Nutzerverwaltung, eine aufgeräumte Weboberfläche. Also genau das, wofür man üblicherweise einen Vertrag unterschreibt, ein Abo bezahlt und seine Daten jemandem anvertraut, den man nie zu Gesicht bekommt, der schlimmstenfalls noch der Jurisdiktion einer fremden Nation unterliegt.
Auf LinkedIn habe ich ein Foto davon gepostet und gefragt, was das wohl sei. Die Frage war unfair, sie war sehr unspezifisch. Die Tipps waren fachkundig und gingen trotzdem an der Sache vorbei. Jemand fragte, ob es Doom laufen lässt. Kann es, sogar Doom II, aber das ist nicht der Punkt. Ein anderer Kollege tippte auf ein bestimmtes ARM-Board und lag damit erstaunlich nah, falsches Mitglied, richtige Familie. Denn die interessante Frage ist nie, welcher Chip da verbaut ist. Die interessante Frage ist, was so ein Ding überflüssig macht.

Souveränität ist kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Steckdose
Wenn ich von digitaler Souveränität schreibe, meine ich keine Ideologie (nun, ehrlich gesagt meistens nicht). Ich meine eine sehr handfeste, messbare, physische Eigenschaft: dass die Maschine, auf der meine Daten liegen, mir gehört, in meinem vertrauten Raum steht und vor allem mir gehorcht, weil niemand sonst den Stecker in der Hand hält. Die meisten Dinge, die heute Cloud heißen, sind der Computer eines anderen, vermietet im Abonnement, intransparent, was Stack und Prozesse angeht. Das ist bequem, oft gut gemacht, und ich will den Hyperscalern ihre technische Qualität gar nicht absprechen. Aber Bequemlichkeit und Souveränität sind zwei sehr verschiedene Währungen, und es lohnt, sich gelegentlich zu fragen, in welcher man gerade bezahlt.
Die ehrliche Antwort lautet zumeist: in beiden, ohne es zu merken.
Das Gerät auf meinem Tisch ist ein Gegenentwurf in seiner radikalsten, greifbarsten Form. Keine fremde Cloud, kein nutzungsabhängiges Abo, kein verschnürtes Lizenzmodell pro Kopf, keine Blackbox. Stattdessen eine schlanke, durchaus professionelle Infrastruktur, die ich aufheben, einstecken und jemandem in die Hand drücken kann, mit dem Satz: Das hier ist Ihr Rechenzentrum. Eigentlich das perfekte Produkt für einen mittelständischen Dienstleister.
Warum das ausgerechnet jetzt geht
Möglich macht das eine Entwicklung, die in den Schlagzeilen meist unter ferner liefen läuft: ARM ist erwachsen geworden. Dieselbe Architektur, die in jedem Telefon steckt, liefert heute genug Rechenleistung für ernsthafte Serverdienste, und zwar bei einem Bruchteil des Stromhungers klassischer Server. Wir sehen, wie Apples MacBooks klassische Intel-CPUs in vielen Disziplinen wie Dinosaurier aussehen lassen. Das ist der eigentliche Hebel. Souveränität, die nur funktioniert, solange ein dröhnender Tower im Keller 750+ Watt verheizt, ist keine. Souveränität, die dauerhaft läuft und dabei weniger zieht als eine Schreibtischlampe, hat eine ganz eigene Schönheit.
Energieeffizienz ist hier nicht das nette Beiwerk, sondern das zweite Kernkriterium. Ein souveränes System muss man sich leisten können, nicht nur beim Kauf, sondern im Dauerbetrieb. Genau das hat sich verschoben. Die Hardware, die man früher für eine kleine Cloud brauchte, war laut, teuer und gefräßig. Heute passt sie auf eine Handfläche, wird optional über PoE mit Strom versorgt und meldet sich im Stromzähler weniger zu Wort als das Dutzend Steckernetzteile, die wir alle daheim im Leerlauf an den Steckdosen haben.
Eine kleine Parabel über den Speichermarkt
Der Weg dahin war lehrreicher, als mir lieb war. Ich brauchte Speicher, also eine ordentliche SSD (Samsung 1 TB) und eine schnelle Bootplatte (128 GB NVME), und stolperte dabei in die Absurditäten eines Marktes, der gerade aus den Fugen gerät. Wer heute Speicher kauft, zahlt Preise, die sich binnen Monaten vervielfacht haben. Der Grund ist von einer schönen Ironie, die Rechenzentren der großen KI-Anbieter saugen die Speicherproduktion leer, binden auf Jahre, was an Fertigung verfügbar ist, und treiben so die Preise für alle anderen. Für uns.
Mit anderen Worten: Genau die Infrastruktur, der man durch Selbstbetrieb entkommen will, verteuert die Bauteile, die man zum Entkommen braucht. Wer sich unabhängig machen möchte, finanziert mit jedem Kauf ein Stück weit die Abhängigkeit der anderen mit. Man muss das nicht dramatisieren, aber man sollte es sehen. Souveränität hat einen Preis, und der wird gerade von Leuten mitbestimmt, die mit dem eigenen Vorhaben nichts zu tun haben, ihm indirekt sogar entgegenstehen.
Die Freiheit, sich selbst auszusperren
Irgendwann, mitten im Aufbau, habe ich mich aus dem eigenen Gerät ausgesperrt. Ein Konfigurationsfehler, ein zu früher Handgriff, und schon ließ mich die Maschine nicht mehr herein. Bei einer fremden Cloud hätte ich jetzt ein Support-Ticket geschrieben und gewartet. Das passiert oft genug. Vielleicht eine Hotline angerufen. Vielleicht in einer Warteschleife einer Melodie gelauscht, die mir versichert, mein Anliegen sei wichtig, ihr alle kennt diese Ansage, die im richtigen Moment nur noch sarkastisch klingt. Und man kann vielleicht noch mit den Zähnen knirschen, dass man den fünfstelligen Premium-Support nicht doch bezahlt hat.
Stattdessen habe ich die Platte ausgebaut, an einen zweiten Rechner gehängt, eine einzige Zeile in einer Textdatei ergänzt und alles wieder zusammengesteckt. Keine zehn Minuten. Niemand musste mir Zugang gewähren, weil mir der Zugang ohnehin gehörte.
Das ist die andere Seite der Souveränität, die in den Hochglanzbroschüren nie vorkommt. Sie bedeutet eigene Verantwortung. Du kannst dich aussperren, du kannst (wirst) Fehler machen, und es gibt keinen Konzern, der hinter dir aufräumt. Aber genau diese Verantwortung ist die Freiheit. Das Ding gehorcht mir, weil es niemand anderem gehört. Wer das einmal physisch erlebt hat, eine Festplatte in der Hand, auf der die eigenen Daten liegen, versteht den Unterschied schneller als nach jedem Powerpoint-Vortrag.
Für wen das gedacht ist, und für wen nicht
Ich will hier ehrlich bleiben, denn Übertreibung ist der Feind jeder guten Sache. Dieses Gerät versorgt einen kleinen Mittelständler, einen Verein, eine Familie, eine Community mühelos. Eine medienlastige Marketing-Agentur unter Dauervolllast sicher nicht. Dafür gibt es bezahlbare anders dimensionierte Maschinen. Es geht nicht darum, ein Großrechenzentrum zu ersetzen, sondern darum, zu zeigen, wo die Reise hingehen kann.

Genau genommen ist es dreierlei zugleich. Ein Prototyp, der sich in kleinen Szenarien schon heute sofort "out of the box" produktiv einsetzen lässt. Bei Bedarf stelle ich gerne ein Festplattenimage zur Verfügung. Ein Proof of Concept für größere, ernsthaftere Infrastrukturen, die derselben Logik folgen und anders skalieren müssen. Und eine Demo-Umgebung, an der man Souveränität nicht abstrakt erklären, sondern anfassen kann. Diese nüchterne Grenze ist dabei kein Makel, sondern eine ganz bewusst getroffene Entscheidung. Ein ehrliches kleines System ist mehr wert als ein überverkauftes großes.

Es geht um Gegengewichte, nicht um "Reinheit"
Niemand muss morgen alles selbst betreiben, und ich tue es natürlich auch nicht. Souveränität ist kein Alles-oder-nichts, sondern ein Spektrum. An dessen einem Ende steht die handgroße Cloud auf meinem Tisch. Dazwischen liegt ein erfreulich lebendiges Feld europäischer Anbieter, die man kennen sollte, von Ionos über mailbox.org, das schweizerische Infomaniak oder Proton bis zu spezialisierten Häusern wie Novastor, und Hardware-Herstellern wie Volla oder Tuxedo, die zeigen, dass es auch unterhalb der selbsternannten Giganten ernstzunehmende, wettbewerbsfähige Technik gibt.

Der Punkt ist nicht, dass die Großen schlecht wären. Der Punkt ist, dass eine Welt ohne Gegengewichte immer eine schlechte Welt ist. Monokulturen sind per Definition schädlich. Vielfalt, Rechenschaft, die Möglichkeit, im Zweifel den Anbieter zu wechseln oder ganz auf sich selbst zu setzen, all das hält ein gesundes System am Leben. Das kleine Gerät ist mein persönlicher Beitrag zu diesem Gegengewicht, und nebenbei der Beweis, dass die radikalste Variante näher liegt, als die meisten glauben.
Die Software, die das Ganze trägt, heißt OpenCloud, kommt aus Berlin und ist ein quelloffener, bewusst schlanker Fork von ownCloud Infinite Scale, vorangetrieben von den Leuten hinter Heinlein Support und mailbox.org. Keine Datenbank, die Metadaten liegen direkt im Dateisystem bei den Daten, das Ganze in Go geschrieben. Also genau für diesen Anspruch gebaut, dass die Daten dort bleiben, wo man sie hingelegt hat. Warum ich mein Homelab überhaupt von Nextcloud auf OpenCloud umgezogen bin, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Dass dieselbe Software zusätzlich anstandslos auf einer Handfläche voll ARM läuft, ist das schönste Kompliment, das man ihr machen kann.
Ausblick: ein Rechenzentrum im Maßstab eines Modells
Noch steht das Gerät nackt da, ein offener Stapel aus Platinen, mit einer SSD, die wie ein Flügel über die Kante ragt. Schön auf eine technische Art, aber noch kein Objekt, das man auf einen Vorstandstisch stellen könnte.
Das ändert sich als Nächstes. Ich entwerfe gerade ein Gehäuse, das nicht einfach eine Kiste mit Fenster ist, sondern ein kleines Gebäude. Ein postmodernes Mini-Rechenzentrum, ein Exoskelett aus mattem Kunststoff, dazwischen Glasfelder, durch die man die leuchtenden Stockwerke der Elektronik sieht wie ein Bürohochhaus bei Nacht. Funktion wird zum Ornament, der Lüftungskamin wird zur Krone. Ein bisschen ernst, ein bisschen augenzwinkernd. Wenn ich Fusion 360 genug quäle (und ich bin da so gar nicht gut drin) wird daraus vielleicht sogar ein bisschen Art Deco. Wer schon einmal eine größere Maschine in einer kleineren Hülle vermutet hat, darf an eine bestimmte blaue Telefonzelle eines speziellen Doktors denken.
Wie das aussieht, und wie aus Millimetern, Messschieber und einem 3D-Drucker ein Gebäude wird, erzähle ich beim nächsten Mal. Hier nur eine Impression, wie meine Lieblings-K.I. davon träumt.

Bis dahin steht auf meinem Tisch eine Cloud, die in eine Hand passt, unhörbar leise summt, kaum Strom zieht und vollständig mir gehört. Und ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: Das fühlt sich anders an, als ein Abo zu verlängern.
Bei Fragen ... ihr wisst wir ihr mich bekommt.
-> @axel:pandolin.online (Matrix)
One hand. One cloud. One less excuse.