Geburtstag bei der IHK
Souveränität ist kein technisches Thema, sondern ein Preisschild, das wir der Sache nicht beimessen wollen. Notizen vom IT-Souveränitäts-Tag der IHK Nürnberg, zwischen Heinleins leisem Krieg, dem Data Act und KI, die auf dem Handy läuft. Bei vierzig Grad.
Wie man einen Schnaps-Geburtstag (260626) verbringt, ohne dass jemand "Work-Life-Balance" sagen muss
Es gibt komfortablere Arten, einen Geburtstag zu begehen, als einen Urlaubstag zu nehmen und um elf Uhr vormittags die A9 Richtung Nürnberg hinter sich zu lassen, während das Thermometer entschlossen Richtung vierzig klettert. Ich habe es trotzdem getan, und ich würde es jederzeit wieder tun. Der IT-Souveränitäts- und Open-Source-Tag II der IHK Mittelfranken war für einen Nachmittag im Hochsommer eine erstaunlich gute Idee, und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen der Hitze. Wer bei diesen Temperaturen freiwillig bis 18:00 Uhr in einem Saal bleibt, statt sich draußen am Kaffee oder Eis festzuhalten, der bleibt aus Überzeugung. Oder aus Angst vor der Sonne. Bei mir war es eine gesunde Mischung. Fairnesshalber muss man sagen, dass das altehrwürdige Gemäuer der IHK in Nürnberg ein angenehm kühles Refugium war, in dem sich die vierzig Grad draußen erstaunlich gut aushalten ließen.

Peer Heinlein hat sich zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren entschieden, einen Vortrag in kurzer Hose zu halten. Das erzählt er gleich zu Beginn, halb entschuldigend, halb trotzig, und es ist der ehrlichste Pitch des ganzen Tages. Denn so läuft Souveränität in der Praxis: Man hat einen Plan, dann kommt die Realität, und am Ende steht man eben in kurzer Hose da und macht trotzdem.
Und ich fange hier mit dem Satz einer Folie dieses Events an, den ich mit am besten fand:
Sie heißt: eine bewusste Wahl haben - und diese Wahl aktiv gestalten.
Spielball oder Akteur
Der Vizepräsident der IHK eröffnet mit einer Zahl, die man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen sollte: über 140.000 Mitgliedsunternehmen in Mittelfranken, vom Solateur bis zur Siemens AG. Und mit einer Feststellung, die vor zwei Jahren noch nach Nerd-Bubble geklungen hätte und heute aus dem Mund eines Wirtschaftsvertreters kommt: Das Thema ist angekommen. Der bayerische Digitalminister Mehring gibt dazu Vollgas, der Kanzler diskutiert mit, und das Kabinett überweist nicht mehr ganz so reflexhaft die nächste Milliarde nach Redmond, sondern überlegt sich einen Stufenplan, alles unter anderem auf Basis der demokratischen Mitbestimmung, so zum Beispiel durch die OSBA oder unsere Initiative Digitale Freiheit Bayern. Man muss das nicht für eine Revolution halten. Aber es ist die Differenz zwischen Spielball und Akteur, und diese Differenz bestimmt die ganze Veranstaltung.
Wichtig war ihm der Satz, den ich in dieser Klarheit selten von einer Kammer höre: Es geht nicht darum, einen Tech-Giganten zu verteufeln. Wir brauchen die großen Firmen. Aber mehr noch brauchen wir die Alternativen, und vor allem die bewusste Entscheidung, wem wir unsere Daten anvertrauen. Genau das ist der Ton, den ich an diesem Thema mag. Kein Hyperscaler-Bashing, sondern die nüchterne Frage nach dem essentiellen Gegengewicht.
Der leise Krieg
Heinlein nennt seinen Vortrag "Digitale Fallschirme", führt ihn aber unter dem Stichwort nationale Sicherheit und digitale Solidität. Und er kommt schnell zu dem Punkt, der mir seit dem Heimweg nicht aus dem Kopf geht. Digitale Souveränität, sagt er, ist überhaupt kein technisches Thema. Sie gehört nicht in den Technikausschuss, sondern in die Mitte des Parlaments, wenn nicht in den Ethikausschuss. Es geht um das Wertesystem einer Gesellschaft. Unserer Gesellschaft.
Das klingt groß, bis er es klein macht. Der Internationale Strafgerichtshof, eine Institution irgendwo knapp unterhalb des Papstes, bekommt seine Postfächer abgeklemmt, weil eine Entscheidung jemandem nicht gepasst hat. HateAid, eine Organisation, die gegen Hass im Netz arbeitet, verliert ihre Infrastruktur. Das ist nicht das hypothetische Schreckensszenario, mit dem man uns vor zehn Jahren noch als Spinner, als Nerds, als Aluhut-Träger abgestempelt hat. Das ist letztes Jahr passiert. Wer fünf Jahre zu früh recht hat, gilt als unangenehm. Wer es im richtigen Moment hat, gilt immer noch als unangenehm, nur lauter.
Sein stärkstes Bild ist das vom leisen Krieg. Einen Handelskrieg sehen wir am Preis, an Strafzöllen (ach...). Einen klassischen Krieg sehe ich an dem, was vom Himmel fällt und sichtbar Menschen tötet. Ein Krieg der Wertesysteme dagegen ist schleichend. Sein Beispiel dafür ist eine halbe Stelle hinter dem Komma. Wenn jede Rede, jede Hausarbeit, jedes Referat zu einem halben Prozent anders geschrieben wird, weil das durchaus wertegetriebene BigTech-Sprachmodell dahinter auf einem fremden Wertesystem (siehe Peter Thiel und Co.) sozialisiert wurde, dann merkt das vordergründig niemand. Eine Sonde, die mit einem halben Prozent Abweichung startet, landet nicht auf dem Mars. Und eine Gesellschaft, die zwanzig Jahre lang mit einem halben Prozent Drift im Wertekanon schreibt, ist am Ende eine andere. Eine aktiv anders geformte. Als nicht-digitales Beispiel führt er an, dass europäische Konzerne ihre Diversitäts-Richtlinien stillschweigend von den Webseiten genommen haben, in vorauseilendem Gehorsam, nachdem es jenseits des Atlantiks politisch unbequem wurde. Keine Technik im Spiel. Nur Abhängigkeit. Ein bisschen so, wie es das ZDF gerade vorgeführt hat, als es sich die US-Sanktionsliste freiwillig in die eigenen Verträge schrieb. Einen Fall, den ich an anderer Stelle auseinandergenommen habe.
Warum Faktenwissen nichts ändert
Der für mich praktisch wertvollste Gedanke ist fast beiläufig gefallen. Verhaltensänderung, sagt Heinlein, kommt nicht durch Faktenwissen. Wir predigen die Abhängigkeit seit zwanzig Jahren, so wie wir das Treppensteigen und den gesünderen Teller predigen, und es ändert ungefähr so viel wie die Schock-Bilder auf der Zigarettenschachtel. Seine Oma hat nach fünfzig Jahren und drei Schachteln am Tag von heute auf morgen aufgehört, nachdem sie einen Bypass bekommen hatte. Vorher war alles egal. Verhaltensänderung kommt durch Aufschlag oder durch eine attraktive Alternative, nicht durch Moralapostel.
Daraus folgt die unbequeme Diagnose. Bei Kinderarbeit, bei FCKW, bei Pestiziden im Grundwasser hat die Gesellschaft irgendwann beschlossen, dass ihr das einen Preis wert ist, und das teurere Bio-Gemüse und das teurere T-Shirt einfach bezahlt. Bei digitaler Souveränität tut sie das nicht. Weil die souveräne Variante zwei Euro zwanzig mehr kostet und die geschlossene "Weil die souveräne Variante zwei Euro zwanzig mehr kostet und die geschlossene 'Zuckerlimonade' der Uni umsonst geschenkt wurde, ein Bild, das ich vor vier Jahren schon einmal bemühen musste, als derselbe Apfel noch als Pandemiehilfe durchging. Das ist ein Preisschild-Problem, und Preisschilder sind Politik. Und eben manchmal auch Ethik.
Das Gesetz, das niemand richtig gebaut hat
Dann übernimmt die juristische Fraktion, und es wird auf die schöne Art deprimierend. Der Data Act gilt unter Anwälten als das schlechteste einer ganzen Reihe schlechter Gesetze, und das ist eine hohe Hürde. Spannend ist trotzdem das Kapitel zum Cloud-Switching: Wer wechseln will, muss seine Daten und Metadaten herausbekommen, der Anbieter muss den Betrieb währenddessen sicher weiterführen und darf erst löschen, wenn der Kunde es sagt. Theoretisch. Praktisch landen Lizenzverträge auf dem Tisch, in denen davon nichts steht. Das Marktprinzip gilt für alle, die hier Dienste anbieten, auch für die Großen. SAP hat darauf reagiert, indem es Teile über eine fremde Hyperscaler-Cloud routet, damit es im Sinne des Gesetzes formal keine Cloud mehr ist. Man muss die Eleganz dieser Volte fast bewundern, so wie man einen gut gelegten Bandwurmsatz in einem Vertrag bewundert, kurz bevor er einem das Geld kostet. Nebenbei lernt man, dass ein großer Autohersteller letzte Woche einfach mal die Schnittstelle dichtgemacht hat, über die viele Leute ihre Solarsteuerung mit dem E-Auto verbunden hatten. Souveränität fängt manchmal damit an, dass jemand anders deinen Stecker zieht. Danke für den anspruchsvollen, aber trotzdem mitreißenden Vortrag.
Souveränität, die langweilig genug ist, um zu funktionieren
Das schönste Gegenbeispiel kam von den Leuten, die digitale Verwaltung machen. Statt jeden Bescheid in ein Sprachmodell zu werfen und auf das Beste zu hoffen, übersetzen sie Gesetze in deterministische Entscheidungsbäume. Jeder Tatbestand wird einzeln geprüft, erfüllt oder nicht, mit Begründung, mit Audit-Trail, überstimmbar. Gleicher Input, gleicher Output, was bei juristischen Fragen kein Luxus ist, sondern die Geschäftsgrundlage. Ein Sprachmodell, das beim selben Sachverhalt würfelt, ist im Rechtsstaat keine Hilfe, sondern eine Haftungsfrage.

Das klingt unspektakulär, und genau das ist der Punkt. Die IHK Nürnberg lässt vier Leute in Vollzeit prüfen, ob in einem von 144.000 Firmennamen ein Wort steckt, das vor dreihundert Jahren etwas bedeutet hat, das man heute nicht im Handelsregister haben möchte. Das ist die Sorte Aufgabe, bei der Automatisierung tatsächlich Menschen entlastet, ohne dass jemand das Recht an eine Blackbox in Übersee abgibt. Souveränität muss nicht heroisch sein. Sie muss laufen.
KI, die in die Hosentasche passt
Den schönsten Bogen schlug Fraunhofer IIS, also ausgerechnet das Institut, das vor fünfunddreißig Jahren MP3 erfunden hat und seitdem weiß, wie man fast alles wegwirft und trotzdem das Wesentliche behält. Genau diese Haltung bringen sie jetzt in die KI. Auf der einen Seite große Modelle zwischen 70 und 300 Milliarden Parametern, bewusst kleiner als die 1200 Milliarden, die man dem Marktführer heute nachsagt, mit der ehrlichen Frage, ob man die Qualität trotzdem hinbekommt. Auf der anderen Seite kleine Modelle für kleine Geräte. Ihr Modell mit 2,7 Milliarden Parametern lief auf einem ganz normalen Android-Telefon, auf der CPU, ohne Beschleuniger, und die Token kamen überraschend zügig. Das ist Souveränität, die auch dann funktioniert, wenn das Rechenzentrum mal ausfällt.

Bemerkenswert war die Ehrlichkeit über die Kosten. Von 61 Millionen Förderung für das Modellprojekt SOFI gehen 18 Millionen allein in Rechenleistung, nicht in Personal, was die übliche Reihenfolge öffentlicher Projekte auf den Kopf stellt. Eine geplante Gigafactory in Schweinfurt soll dreißigtausend GPUs aufbauen. Und sie erzählen freimütig vom eigenen Lehrgeld, etwa als sie ihr Modell stolz auf 24 EU-Amtssprachen trainiert hatten und dann feststellen mussten, dass die Menschen, mit denen ihre Anwender tatsächlich zu tun haben, oft gar nicht aus der EU kommen. Ein Kind, das mit 24 Sprachen aufwächst, kann am Ende keine richtig. Diese Art von Selbstkritik fehlt der Branche sonst eher.
Wo ich selbst zugehört habe
Ich habe an einer Stelle die Hand gehoben, und natürlich ging es um Lizenzen, weil das bei mir so etwas wie ein Reflex ist. Mich interessiert, ob die Gewichte solcher Modelle unter einer europäischen Lizenz landen, einer EUPL etwa, dem Ableger, der das nachbaut, wofür sonst die GPL steht. Die Antwort war differenziert: Teuken zielt auf Apache 2, ein anderes Modell hängt aus Anwaltsbedenken unter einer Forschungslizenz fest, also nutzbar, aber nicht kommerziell. Und über allem schwebt das Urheberrecht, samt dem bekannten Fall, bei dem ein Modell geschützte Inhalte reproduziert hat. Wer eine Plattform betreibt, steht dafür gerade. Der EU-AI-Act gibt dafür einen strengen Rahmen, und ausnahmsweise ist Strenge hier ein Standortvorteil.
Teuken läuft bei mir übrigens längst im Homelab, und der OpenCloud-Pilot, dieser kleine Raspberry Pi mit einem souveränen Drive in Docker, ist im Grunde dieselbe Wette wie der ganze Nachmittag. Nicht das große Manifest, sondern das laufende Gerät. Wer Gegengewichte sucht, findet sie nicht nur in Förderprojekten, sondern auch bei den üblichen leisen Verdächtigen: bei mailbox.org, OpenTalk und OpenCloud aus dem Heinlein-Umfeld, bei Ionos und Infomaniak, bei NovaStor für Backup, bei Volla und TUXEDO für die Hardware. Keiner davon wird allein die Welt drehen. Zusammen sind sie das Preisschild, das wir der Sache endlich beimessen müssten.
Und der Geburtstag?
Das Ziel des Tages war, dass am Ende alle durchgeschwitzt, leicht frustriert und trotzdem inspiriert nach Hause fahren. Das ist gelungen, und zwar in genau dieser Reihenfolge. Frustriert, weil die Diagnose unbequem bleibt: Wissen ändert nichts, nur Aufschlag oder Attraktivität. Inspiriert, weil im selben Saal die Alternativen standen, die langweilig (oder doch sexy?) genug sind, um tatsächlich zu funktionieren.
Ob die IHK, Peer Heinlein, Tobias Baader, João Neisinger, Marion Schultz, Sebastian Kreideweiß, Torsten Frenzel, Simon Padberg oder Sebastian Scharrer und all die Besucher, die sich enthusiastisch an den Diskussionen um die Vorträge beteiligt haben: macht weiter so. Und danke, dass ihr (unbewusst) meinen Geburtstag mit mir und einem so tollen Thema begangen habt.
Es war kein schlechter Ort, um ein Jahr älter zu werden. Man sitzt bei fast vierzig Grad draußen im kühlen Saal, hört Leuten zu, die seit dreißig Jahren an derselben Sache arbeiten, und stellt voller Befriedigung fest, dass die Welt ihnen langsam recht gibt. Inspirierend, oder so.
Ein Vortrag in kurzer Hose. Vierzig Grad Klartext. One less excuse.