Offen sehen, oder gesehen werden
Über Linus Torvalds und Peter Thiel, über Linux und Palantir Foundry, und warum es zwischen den beiden keinen ruhigen Mittelweg gibt.
1. Der Aufkleber
Ich habe Aufkleber drucken lassen. Rotes rundes Schild, weiße Schrift, das vertraute STOP. Nur das O ist anders: ein Kreis mit einem kleinen Winkel darunter, wie aus einem Logo geschnitten, das man in den letzten Jahren häufiger gesehen hat. Einer davon wird, sobald die Sendung eintrifft, auf dem Deckel meines Framework landen, dort, wo bei anderen Leuten ein Apfel leuchtet, ein Logo oder ein Tux klebt.
Es ist ein kleiner Witz, und wie alle guten kleinen Witze hat er einen Grund.
2. Zwei Figuren
Es gibt in der jüngeren Software-Geschichte zwei Figuren, die wie Pole eines Magnetfeldes wirken. Die eine ist Linus Torvalds, der vor mehr als dreißig Jahren einen Kernel anfing und seither in einer öffentlich einsehbaren Mailingliste über jede Code-Zeile streitet, manchmal scharf, oft wirklich grob, aber immer nachvollziehbar. Wer mit ihm uneins ist, kann den Kernel forken. Es ist passiert, und es wird wieder passieren, und genau diese Möglichkeit ist die eingebaute "Demut" des Modells. Marktmacht entsteht hier dadurch, dass man sie weggibt und sich täglich neu verdienen muss.
Die andere Figur ist Peter Thiel, dessen Buch Zero to One nicht zufällig zu einem der meistzitierten Texte des Silicon Valley geworden ist. Sein Argument, freundlich zusammengefasst: Wettbewerb sei eine Verschwendung. Das Ziel sei das Monopol, abgesichert durch Netzwerkeffekte, proprietäre Daten, regulatorische Burggräben. Wissen ist hier kein Gemeingut, sondern ein Vorsprung, den man verteidigt. Macht entsteht durch Konzentration, nicht durch Verteilung. Wir kennen die eine oder andere Firma, die so agiert.
Hinzu kommt eine Position, die Thiel selbst seit 2009 öffentlich vertritt: Freiheit und Demokratie seien nicht mehr vereinbar. Demokratische Verfahren seien zu langsam für das, was technologisch möglich wäre. In Reden, Essays und Investitionsentscheidungen kehrt diese Linie regelmäßig aggressiv wieder, und sie ist immer präsent, nicht beiläufig.
Hier ist mir ein persönlicher Zwischenruf wichtig. Ich bin Liberaler, FDP-Mitglied, und ich erkenne in Thiels Programm keinen Liberalismus, sondern dessen Antithese. Der klassische Liberalismus beruht darauf, dass Freiheit nur unter dem Schutz demokratisch gesetzter Regeln auf Dauer haltbar ist, dass Macht aufgeteilt sein muss, damit niemand sie absolut bekommt, und dass das Individuum nicht trotz, sondern wegen funktionierender Institutionen frei sein kann. Wer Demokratie und Freiheit gegeneinander ausspielt, hat den liberalen Faden nicht erweitert, sondern hart abgeschnitten. Thiel verkauft eine verquere Version von Freiheit, die in Wahrheit ein Privileg weniger meint. Das ist nicht meine Liberalität.
Wer Software baut, deren Geschäftsmodell darin besteht, behördliche und unternehmerische Entscheidungen zu beschleunigen, indem sie aus offenen Verfahren in geschlossene Plattformen wandern, hält genau diese Position für ein Feature, nicht für einen Bug.
3. Zwei Werkzeuge
Linux ist ein Kernel (also ein Betriebssystemkern), aber auch ein Begriff für alles, was um ihn herum gewachsen ist. Quelltext, der gelesen werden kann. Eine Lizenz, die das Lesen, Ändern und Weitergeben nicht nur erlaubt, sondern erzwingt. Eine Architektur und Code, die so offen liegen wie eine technische Zeichnung im Patentamt. Wer wissen will, wie Linux entscheidet, wann ein Prozess Speicher bekommt und wann nicht, kann das nachlesen, verändern, auf seine ureigensten Bedürfnisse anpassen. Es gibt kein dahinter.
Palantir Foundry ist die andere Antwort auf eine verwandte Frage. Foundry nimmt die Datenbestände einer Organisation, also Sensordaten, Personalakten, Lieferketten, Patientenregister, Aufenthaltsstatus, und überführt sie in eine sogenannte Ontologie. Das ist mehr als ein Datenmodell. Eine Ontologie legt fest, was die Welt der Organisation enthält, in welchen Beziehungen die Dinge zueinander stehen und welche Operationen auf ihnen sinnvoll sind. Sie ist die Grammatik, in der die Organisation über sich selbst nachdenkt. Wer die Ontologie kontrolliert, kontrolliert nicht die Daten, sondern die Begriffe, mit denen die Daten lesbar werden.
Das ist der Punkt, an dem sich die beiden Werkzeuge fundamental unterscheiden. Beim Kernel besitzt niemand die Begriffe; sie liegen offen, jeder kann sie prüfen, fortschreiben, ablehnen. Bei Foundry liegt die Grammatik beim Anbieter. Eine Behörde, die ihre Vorgänge in Foundry abbildet, mietet sich nicht eine Datenbank, sondern eine Denkweise. Aussteigen ist fast unmöglich, sehr teuer, weil der Vorgang, den man begonnen hat zu denken, nur in dieser einen proprietären Sprache vollständig formuliert ist.
Das ist keine Verschwörung sondern das ist ein Geschäftsmodell. Es ist legitim, es zu verkaufen, und es ist legitim, es zu kaufen. Es ist nur etwas, das man wissen sollte, bevor man unterschreibt, bevor man sich darauf einlässt.
4. Offen sehen, oder gesehen werden
Der Graben, der zwischen Torvalds und Thiel verläuft, ist keiner aus Geschmack oder Temperament. Es ist einer aus einem informationspolitischen Weltbild. Er betrifft die Frage, wie Wissen in einer Gesellschaft zirkuliert, wie detailliert es ist und wer berechtigt ist, daraus Schlüsse zu ziehen.
Auf der einen Seite eine alte Idee, die in Europa einmal Aufklärung hieß. Wissen wird geteilt, weil es nur geteilt überprüfbar ist. Werkzeuge gehören denen, die sie benutzen, weil sonst die Werkzeuge die Benutzer benutzen. Macht ist verteilt, nicht weil verteilte Macht effizienter wäre, sondern weil konzentrierte Macht historisch verlässlich missbraucht wird. Linux ist die kleinste denkbare Verkörperung dieses Prinzips in Software. Der Kernel ist nicht offen, weil das Geschäftsmodell es erforderte. Er ist offen, weil seine Macher, die Community es so wollten und wollen.
Auf der anderen Seite eine wesentlich ältere Idee, die immer wieder zurückkehrt und sich gerade neu "kostümiert". Wissen ist Vorsprung. Wer sieht, ohne gesehen zu werden, ist im Vorteil. Eine martialische Sichtweise, nicht wahr? Wer die Begriffe setzt, in denen andere ihre Welt beschreiben, also die Deutungshoheit beansprucht und verteidigt, beherrscht die Welt, ohne sie zu betreten. Das ist nicht erst seit Palantir so, aber Palantir ist der bisher zugegebenermaßen technisch ausgereifteste Versuch, dieses Prinzip in einer Plattform zu skalieren. Der Name ist programmatisch. Ein Palantír war bei Tolkien ein Sehensteinwerkzeug, durch das man weite Strecken überblicken konnte, und am Ende wurde der, der hineinblickte, selbst gesehen. Vom Falschen. Was sagt uns das über ein Unternehmen, welches sein Produkt nach Saurons mächtigstem Werkzeug benennt?
Diese beiden Linien laufen seit Jahrzehnten nebeneinander, und sie laufen nicht parallel, sondern in absolut entgegengesetzte Richtungen. Wer Software baut, baut nie nur Software. Er baut ganz automatisch an einer der beiden Linien mit, ob er es will oder nicht. Es gibt keine neutrale Architektur. Eine Datenbank, die nur einer lesen kann, ist eine politische Aussage. Ein Kernel, den jeder lesen kann, ist es auch.
Wer sich entscheidet, hat zwei Fragen zu beantworten. Welche der beiden Linien (Hersteller) speist die Werkzeuge, mit denen ich täglich arbeite? Und welche der beiden Linien speise ich (Beschaffung) , wenn ich diese Werkzeuge benutze und weiterempfehle?
5. Ein klares Wort
An dieser Stelle wird der Text persönlich, und ich halte das für nötig. Aus liberaler Überzeugung, aus beruflicher Erfahrung im Software-Geschäft und aus einer ruhigen Abwägung von Nutzen und Risiko heraus halte ich es für falsch, Palantir als Mitarbeiter zu verstärken oder gar als Regierung Werkzeug ins eigene Portfolio zu nehmen. Das ist eine harte Aussage, ich weiß, und sie schließt Menschen ein, die ihre Arbeit dort gut und gewissenhaft machen. Sie ist trotzdem zu treffen.
Wer Foundry oder AIP einkauft oder verkauft, entscheidet sich strukturell gegen Datensparsamkeit und für maximale Aggregation. Er entscheidet sich gegen eine Zweckbindung und für offene Auswertbarkeit, gegen geteilte Begriffe und für eine fremde intransparente Ontologie. Das können bis jetzt wirtschaftliche oder technologische Entscheidungen gewesen sein.
ABER: Er entscheidet aktiv gegen demokratisch kontrollierte Verfahren und für eine Plattform, deren Eigentümer ein Demokratiekritiker mit ausgewiesenem Programm ist.
Hinzu kommt ein Aspekt, der das Argument in regulierten Sektoren von der politischen Frage in die juristische verschiebt. Wer unter NIS2 fällt oder KRITIS-Infrastruktur betreibt, ist verpflichtet, Lieferkettenrisiken und Resilience strukturiert zu bewerten und zu dokumentieren. Eine Plattform mit intransparenter Ontologie, faktischer Lock-in-Dynamik und einem US-Eigentümer mit dokumentiertem politischem Programm ist in dieser Bewertung schwer als unkritisch durchzuwinken, ehrlicherweise gar nicht.
Das Missbrauchspotenzial einer solchen Architektur, einmal aufgebaut, übersteigt jeden operativen Gewinn, der sich kurzfristig damit erzielen lässt. Es gibt Werkzeuge, deren Effizienz keine Rechtfertigung ist. Dies ist eines davon.
6. Caliban, Wintermute und die kleinste praktikable Einheit
In der hinteren Ecke meines Arbeitszimmers stehen drei Maschinen. Caliban, ein Minisforum-Server, der eine eigene Cloud, einen Medienserver und ein paar weniger sichtbare Dinge trägt. Ein Kubernetes-Cluster auf Basis von 7 Raspberri Pis, der OpenCloud, Matrix etc. powered. Wintermute, ein NAS, das Caliban zweistündlich repliziert und nachts über ZFS-Snapshots wacht. Nichts davon ist spektakulär. Es ist die Standardausrüstung, die jeder zusammenstellen kann, der sich zwei Wochenenden lang ernsthaft einliest. (Naja, vielleicht etwas länger als 2 Wochenenden :-))
Und genau das ist der Punkt.
Ein Homelab ist keine Nostalgie. Es ist auch kein Hobby im Sinne von Modelleisenbahnen, obwohl es manchmal so aussieht. Es ist die kleinste praktikable Einheit dessen, worüber dieser Artikel handelt. Wer ein Homelab betreibt, hält die Möglichkeit verteilter Infrastruktur am Leben, für sich selbst und für andere. Er beweist, dass eine Cloud, die nicht jemand anderem gehört, technisch funktioniert. Er liest, ändert und tauscht Komponenten aus, die offen liegen. Er entscheidet selbst, welche Begriffe seine Daten beschreiben.
Es geht nicht darum, dass jeder ein eigenes Rack im Keller stehen haben müsste. Die meisten Menschen werden das nicht tun, und das ist in Ordnung. Was ein Homelab leistet, ist etwas Bescheideneres und zugleich Wichtigeres. Es ist ein Proof of Concept. Es zeigt, dass die Architektur funktioniert, dass eine Cloud, die nicht jemand anderem gehört, technisch keine Utopie ist, sondern Standardausrüstung.
Und genau hier kommt etwas ins Spiel, was im deutschsprachigen Raum strukturell unterschätzt wird. Es gibt eine bemerkenswert dichte Landschaft lokaler Hoster und kleinerer Anbieter, die genau diese Art von Infrastruktur zu fairen Preisen bereitstellen. Hetzner, mailbox.org, united cloud, IONOS, dazu eine Reihe genossenschaftlich oder regional organisierter Häuser, deren Namen man kennt, sobald man einmal hingeschaut hat. Diese Anbieter machen aus dem kleinen Proof of Concept eine echte professionelle Alternative. Wer keine eigene Hardware betreiben will, kann hier dasselbe Prinzip mieten, das ein Homelab demonstriert: offene Werkzeuge, klare Zweckbindung, deutsches oder europäisches Datenschutzrecht, ein Vertragspartner, dessen Geschäftsmodell nicht darauf beruht, die eigenen Daten zu monetarisieren sondern echte Dienstleistung anzubieten.
Eine Gesellschaft, in der niemand mehr selbst kompiliert und niemand mehr von solchen Anbietern hostet, weil alle Werkzeuge nur noch als Hyperscaler-Service mietbar sind, hat ihre Aufklärungslinie schon lange aufgegeben, ohne es zu merken. Ein einzelnes Homelab ändert daran wenig. Aber tausend Homelabs und zehntausend Kunden bei lokalen Hostern tragen die Linie weiter und halten sie offen. Den Aspekt der lokalen steuertragenden Wertschöpfung ganz aussen vor gelassen.
One Community. One homelab. One less excuse.
Der dritte Teilsatz war von Anfang an mein wichtigster.
7. Zurück zum Aufkleber
Wenn die Aufkleber ankommen, klebt einer auf dem Deckel meines FrameWork Laptops. Nicht als Protest gegen ein Unternehmen, das vermutlich niemals Notiz davon nehmen wird, sondern als kleine Markierung in eigener Sache.
Ein Stop-Schild ist ein Zeichen aus der Sphäre des Gemeinwesens, gesetzt von denen, die sich die Regeln gemeinsam geben, also von uns, für uns.
Genau dort gehört es hin.
Was hinter dem Schild liegt, ist nicht die andere Seite. Es ist eine durchaus politisch und moralisch bestimmte Art, Wissen zu organisieren, gegen die hier ein Halt steht.
Davor, an der Tastatur, sitzt jemand, der jeden Tag eine kleine Entscheidung trifft, welche Linie er weiter lebt. Der dafür auch Konsequenzen trägt.
Heute war es dieser Text.